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lunes, 24 de diciembre de 2012

Kleine Bücher, grosse Geschichten



Beide haben den Tod schon als Kinder viel zu oft miterlebt; beide wissen wie es ist, wenn der Hunger alle anderen Sinne und Gedanken betäubt;  beide konnten erst in späten Jahren ihre Schulbildung beginnen bzw. vollenden. Beide haben erst auf Drängen Dritter ihr Leben schriftlich niederlegt in zwei  kleinen Büchlein, die im Dezember in Lima vorgestellt wurden. Die beiden Titel könnten unscheinbarer nicht klingen: „Erinnerungen eines unbekannten Soldaten“ von Lurgio Gavilán das eine ; „Kleine Mosaiksteine aus meinem Leben“ von Pilar Coll das andere.  Hinter den nichtssagenden Titeln stecken zwei ausserordentliche Lebensgeschichten.


Mit 14 Jahren war Lurgio Gavilán bei vielen Morden dabeigewesen und erwartete nun bange seinen eigenen Tod. Eine Militärpatrouille hatte den Kind-Soldaten des „Leuchtenden Pfades“ 1985 in den Bergen von Ayacucho gefangengenommen.  Auch der ihm seit zwei Jahren eingehämmert Glaube, dass es eine Ehre sei, für Marx, Mao und vor allem für den Kameraden Gonzalo alias Abimael Guzmán, den Anführer des „Leuchtenden Pfades“ zu sterben, verhinderten nicht seine Tränen angesichts der Gewehrkugeln, die ihn gleich durchbohren würden.  Es kam anders: der Leutnant verschonte den Jungen und nahm ihn mit in die Kaserne. Mehr noch: er schickte den damals nur quechuasprechenden und des Lesens und Schreibens Unkundigen  in die Schule. 10 Jahre lang wurde die Kaserne zur Heimat Lurgios. Er selbst brachte es bis zum Instruktor der Soldaten in der Aufstandsbekämpfung. So wie er als Kind die Gräueltaten des „Leuchtenden Pfades“ miterlebte oder mit-ausführte,  war er Zeuge oder auch Mittäter der Grausamkeiten, die die Militärs gegenüber Gefangenen und der Zivilbevölkerung begingen. Überraschend nahm das Leben des jungen Soldaten eine weitere Wendung: 1995 trat Lurgio als Novize in den  Franziskanerorden ein. Auch dort war das Leben – ähnlich wie beim Leuchtenden Pfad und der Armee – genau geregelt und diszipliniert. Mit einem grossen Unterschied: wurde bei Guerrilla und Armee eingebläut, den jeweiligen Gegner zu vernichten, so predigten die Franziskaner die Verzeihung. Während seiner Zeit als Novize schrieb Lurgio Gavilán erstmals seine Lebensgeschichte nieder. Nach drei Jahren bei den Franziskanern erkannte er, dass sein Weg nicht im Ordensleben lag und ging zurück nach Ayacucho, wo er kurz darauf ein Studium der Ethnologie aufnahm.

Es ist nicht bekannt, ob Lurgio Gavilán jemals Pilar Coll kennenlernte. Er hätte sie kennenlernen können. Zum Beispiel im Juli 1987, als Pilar Coll in Ayacucho festgenommen wurde, in derselben Stadt, in der Lurgio Gavilán damals als Soldatenkind die Schulbank drückte.   Pilar Coll hatte das im selben Jahr gegründete Menschenrechtssekretariat übernommen und reiste ins damalige Notstandsgebiet Ayacucho. 30 Stunden lang wurde sie von den Militärs dort gefangengenommen, und wurde erst auf Druck aus Lima wieder freigelassen. Menschenrechte zu verteidigen war in jenen Jahren ein Himmelfahrtskommando: misstrauisch beäugt sowohl von der Guerrilla wie auch von der Armee,  gingen die meisten Menschenrechtsanwälte nur bewaffnet auf die Strasse. Nicht so Pilar Coll: „Einen Leibwächter wollte ich nie haben. Wenn mich einer meiner Kollegen fragte: „schaust Du auf die Strasse, ob Du was Verdächtiges siehst, bevor Du das Haus verlässt ? – Nein. Schaust Du auf der Strasse, ob Dir jemand folgt ?  - Nein. Wechselst Du Deinen Weg zum Büro ? – Nein.“ Erst im Nachhinein wurde Pilar Coll der Gefahr bewusst, der sie als erste Generalsekretärin der Menschenrechtsverbände ausgesetzt gewesen war.  Ihr Auftreten half ihr, dass selbst hohe Militärs sie respektierten. Denn bei der 1929 geborenen Spanierin wusste man nie, ob man es mit einer Nonne oder mit einer  katholischen Dame aus gutbürgerlichem Hause zu tun hatte. Beides stimmt, und greift doch viel zu kurz .
Wie Lurgio Gavilán ist auch Pilar Coll ein Bürgerkriegskind.  Ihre Mutter war bei der Geburt eines der 7 Kinder gestorben; Ihr Vater, ein Grundbesitzer aus Aragón, wurde von den republikanischen Garden ermordet,  als Pilar Coll 7 Jahre alt war. Die Familie durfte den Leichnam des Vaters nicht begraben,  wurde aus ihrem Besitz verjagt, und lebte Jahre des Schreckens und Armut.  Est mit 21 Jahren konnte Pilar die Sekundarschule nachholen, danach studierte sie Jura in Barcelona und trat in einen katholischen Laienorden ein, der sie 1967 nach Peru schickte. Pilar Coll wurde schnell Teil der damals entstehenden Befreiungstheologischen Bewegung und übernahm verschiedenste Aufgaben in der kirchlichen Sozialarbeit. Als sie zur ersten Generalsekretärin der Menschenrechtskoordination ernannt wurde, war sie 58 Jahre alt. Als sie das Amt an ihre Nachfolgerin übergab, war sie 63 Jahre jung und fand eine neue Mission: sie betreute die Gefangenen im Frauengefängnis, vor allem diejenigen, die aus politischen Motiven oft langjährige Haftstrafen absassen. Keine Krankheit, keine Beschwerlichkeiten konnten die alte Dame davon abhalten, ihre „Mädels“ im Gefängnis zu besuchen.

Beide Autobiographien bestechen duch ihren schlichten Stil,  wie wenn der Autor bzw. die Autorin ihr eigenes Leben möglichst wenig hervorheben wollen. Die Lebensgeschichten von Lurgio Gavilán und Pilar Coll geben nicht nur Einblick in eine der grausamsten und zugleich so vielschichtigen Perioden des modernen Perus, sondern hinterlassen die Leserin auch staunend und ermutigt zugleich: wie schafft es eine Pilar Coll, deren Vater von den Kommunisten ermordet wurde, später in Peru gerade jene Kommunisten unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu verteidigen ? Wie konnte der Ex- Senderist und Soldat Lurgio Gavilán Empathie und Solidarität bewahren, obwohl er als Kind und Jugendlicher schlimmsten Gräueltaten ausgesetzt war oder sogar selber begangen hatte ?
Die beiden Autobiographen hüllen sich darüber in Schweigen.  Einen kann man noch fragen. Lurgio Gavilán lebt heute in Mexiko, wo er seine Doktorarbeit in Ethnologie schreibt.
Pilar Coll war am 14. September 2012 wie jeden Donnerstag im Frauengefängnis, als ihr übel wurde und sie mit einem Blutgerinnsel ins Krankenhaus eingeliefert wurde.  Am Tag darauf sollte sie entlassen werden. In derselben Nacht, im Alter von 83 Jahren und sechs Wochen nachdem sie ihre „Kleinen Mosaiksteine aus meinem Leben“ fertiggeschrieben hatte,  erlitt sie einen tödlichen Herzinfarkt.

sábado, 15 de septiembre de 2012


Am 15. September 2012 starb in Lima Pilar Coll.

Zum Gedenken an diese aussergewöhnliche Frau ein Portrait von ihr, das ich vor 4 Jahren geschrieben habe. Ruhe in Frieden, Pilar.


Kraft und Zaertlichkeit:Die Menschenrechtsverteidigerin Pilar Coll

Vor mir sitzt eine Frau, deren Kraft,  Willen und Durchhaltevermoegen mich unwillkuerlich an eine Eiserne Lady denken lassen – jedoch keine Verfechterin des Neoliberalismus wie es Margaret Thatcher war, sondern eine Jeanne d´Arc der Menschenrechte. Ich spreche von Pilar Coll, Jahrgang 1929, die mir in ihrer kleinen Wohnung in Lima  aus ihrem Leben und ihrem angefuellten Alltag erzaehlt.  Ihr Alter nennt die lebhafte Frau nur ungern, und Lippenstift und Schmuck lassen nicht vermuten, dass ich es mit einer katholischen Laienmissionarin zu tun habe.

„Heute war ich wieder im Frauengefaengnis“, erzaehlt Pilar. Seit 30 Jahren besucht die studierte Juristin zweimal die Woche politisch Gefangene . In diesen Jahren ist das Vertrauen und die Freundschaft zwischen den Gefangenen und Pilar gewachsen.  „ Heute  zum Beispiel, war mir nicht gut, und sofort haben sie mir  eine „Panelada“ , einen heissen Tee mit Rohzucker, zubereitet“. Pilars Besuche gelten den politischen Gefangenen im Hochsicherheitstrakt - viele von ihnen sind oder waren Mitglied der maoistischen Terrorvereinigung „Leuchtender Pfad“. Obwohl Pilar deren Ideologie nicht teilt und ihre Greueltaten verurteilt, so sieht sie die Gefangenen doch in erster Linie als Menschen, die ihre Hilfe brauchen und die Rechte haben. „Früher waren die Bedingungen noch unhaltbar. 3 Frauen waren auf 6 Quadratmeter 24 Stunden lang eingesperrt“. Es waren weder Zeitungen, noch sonstige Kommunikationsmittel erlaubt. „Als erstes musste ich die politischen Neuigkeiten erzählen, praktisch die Zeitung ersetzen“. Und Briefe schmuggeln zwischen den gefangenen Frauen und ihren Männern im Männergefägnis Castro Castro. „ Da ich nach einer Brustamputation eine Prothese trug, konnte ich dort die Briefe der Frauen verstecken. Die Prothese wurde nicht durchsucht“, erzählt Pilar von vergangenen Zeiten. Wie nebenbei erfahre ich dabei auch, dass sie nicht nur eine Krebserkrankung überstanden hat, sondern ihre Kindheit vom Krieg geprägt war. Ihr Vater, ein Grundbesitzer aus Aragon, wurde von der Nationalfront getötet, die Mutter war vorher schon gestorben, zwei ihrer Geschwister starben an Tuberkulose.  Erst mit 20 Jahren konnte Pilar die Sekundarschule besuchen und danach Jura studieren. Nach Peru kam sie im Jahr 1967 als Mitglied einer Vereinigung von katholischen Laienmissionarinnen. Dort geriet sie schnell in die sozial und politisch engagierten Kreise der katholischen Kirche um Gustavo Gutiérrez.
1987 wurde sie zur ersten Generalsekretärin der peruanischen Menschenrechtskoordination ernannt.  Es war die Zeit des Bürgerkrieges zwischen dem leuchtenden Pfad und der peruanischen Armee. Die indianische Landbevölkerung geriet zwischen die Fronten und wurde Opfer beider Parteien. Kirchliche Menschenrechtsvikariate und Ordensleute spielten dabei eine entscheidende Rolle , die Menschenrechtsverletzungen publik zu machen und die Opfer zu verteidigen. „ Damals war es innerhalb der Kirche, bei vielen Bischöfen, noch anrüchig, von Menschenrechten zu sprechen“, erinnert sich Pilar Coll. Und für Militär und Polizei galten sie als Verbündete der Terroristen. Es war ein brisanter Posten, den Pilar Coll damals übernahm, Polizei, Militär, Politik und Medien in der Haupstadt Lima verleugneten damals die Menschenrechtsverletzungen und bezichtigten Kritiker schnell der Sympathie mit dem Terrorismus.

14 Jahre später, im Jahr 2001, arbeitete eine von einer demokratisch gewählten peruanischen Regierung eingesetzte Wahrheitskommission die jüngste Gewaltgeschichte auf. Pilar Coll, inzwischen offiziell pensioniert, ist aktiv dabei: sie hält unzählige Vorträge in Pfarreien, um für die Arbeit der Kommission zu werben und hilft bei der Systematisierung der Fälle.
Vor einem Jahr wurde sie von der peruanischen Regierung in die Kommission berufen, welche die Entschädigungszahlungen für die Opfer des Bürgerkrieges organisieren soll. „Bis jetzt hatte wir schon 49 Sitzungen; da auch Militärs in der Kommission sitzen, gibt es grosse Auseinandersetzungen darüber, wer als Opfer gelten soll“. Ob sie dafür wenigstens Geld bekommt ? „Nein“, lacht Pilar Coll. „ Alles Freiwilligenarbeit“. Ob es nicht etwas zuviel sei als Rentnerin ? „Von der Rentnerin trifft auf mich nur das Einkommen zu“, meint sie mit einem Augenzwinkern.

Von den vielfältigen Engagements, ist und bleiben ihr die Gefängnisbesuche am wichtigsten. Nichts hält sie davon ab, jede Woche nach Chorrillos ins Frauengefängnis zu fahren. Dabei hat sie ebenso viel erhalten, wie gegeben. „Ich habe im Gefängnis das Menschsein in all seinen Dimensionen kennengelernt, und ich durfte Menschen sehr nahe begleiten“. Nicht nur juristische Beratung hat sie erteilt; sondern Kurse über Werteerziehung, Bibellektüre oder Literatur gegeben. Besonders stolz ist sie darauf, dass die Gefangenen – viele von ihnen ideologische Hardliner – ihr zum 70. Geburtstag ein Buch schrieben mit der Widmung „Danke Pilar, dass Du uns das Recht auf Zärtlichkeit gelehrt hast“.

Pilar hatte in ihrem Leben nicht nur mit wirtschaftlichen oder politischen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern immer  wieder auch mit ihrem eigenen Körper. Vor einem Jahr fesselte eine Rückenkrankheit sie ans Bett, und erst letzten Oktober stürzte sie übel. „Gott hat mir die Kraft gegeben, mich von all dem zu erholen“, sagt Pilar. „Meine Erfahrungen als Kind im spanischen Bürgerkrieg haben mir sehr dabei geholfen,  Widrigkeiten durchzustehen“. Auch heute abend, nach ihrem erfüllten Tag, ist ihr Engagement noch nicht zu Ende. „Ich gebe einer jungen Freundin noch Kommunionunterricht“, erlärt sie. „An dem Tag, an dem ich nichts mehr tun kann, werde ich einfach sein“, sagt die Eiserne Lady und lacht dabei, so als ob dieser Tag noch in weiter Ferne liege.

(erschienen in Publik-Forum, 22.02.2008)