Mostrando entradas con la etiqueta Kultur. Mostrar todas las entradas
Mostrando entradas con la etiqueta Kultur. Mostrar todas las entradas

viernes, 5 de julio de 2013

Kein Respekt vor dem Paradies

DSC00685
Den Tag im Januar diesen Jahres wird Marco Guillén nie vergessen:
mit seinem Team trug der junge peruanische Archäologe, wie jeden Tag, Sandschicht um Sandschicht ab in der vorinkaischen Tempelanlage “El Paraíso”.  Dabei legte er eine Feuerstelle frei, auf der die ersten Siedler Limas für ihre Gottheiten das heilige Feuer instand hielten. Auf bis zu 3000 Jahre vor Christus, also auf 5000 Jahre,  datierten die Archäologen den Fund, um 800 Jahre älter als erwartet – eine Sensation in archäologischen Kreisen. Denn bis jetzt kann nur die Ausgrabungsstätte Caral, ein paar Hundert Kilometer nördlich von Lima, mit diesem Alter aufwarten.Der erst 33-jährige Guillén hatte mit zwei noch jüngeren Assistenten und den Ausgrabungshelfern  mit viel Engagement und wenig Geld einen Fund gemacht, von dem viele Archäologen träumen dürften.

Die meisten Touristen kennen Macchu Picchu und nehmen Lima als notwendigen aber ungeliebten Zwischenstopp in Kauf, um in die Anden zu reisen. Dabei hat der 8-Millionen-Moloch Lima 500 vorinkaische archäologische Stätten vorzuweisen.  “Huaca”  nennt man in Peru die archäologischen Reste nicht nur der Inka sondern all der Völker vor ihnen, die die Anden und die Pazifikküste Südamerikas besiedelt hatten. Man findet die grauen Sandhügel allenthalben im Stadtgebiet von Lima: neben dem Armenviertel ebenso wie im heutigen Luxusviertel. Oft sind sie nicht mal durch einen Zaun geschützt. Die “Huaca El Paraiso” ist eine der grössten und unbekanntesten Huacas in Lima. Sie liegt am Ende des Stadtteils San Martin de Porras, vor 50 Jahren am Rande Limas gelegen, heute  mitten in der Stadt, an der Grenze zum Hafen-Distrikt Callao.

Grosse Pläne hat Marco Guillén mit der Huaca El Paraiso: ein Naherholungsziel soll die archäologische Stätte werden, die zudem einigen Menschen im ärmlichen Viertel San Martin de Porras Arbeit gibt. Denn die Huaca El Paraiso wird – im Gegensatz zu anderen Huacas -von einem lokalen Verein instand gehalten und bis heute für rituelle Veransaltungen genutzt. “Hermana Killa”, “Schwester Mond”, nennt sich Maria Rosales in Anlehnung an ihre indianische Herkunft aus den Anden. Jeden Tag sitzt sie an ihrem Stand vor der Huaca und informiert die wenigen Besucher über die einstigen Traditionen. Sie sieht sich als Erbin ihres Grossvaters, eines Schamanen aus dem nordperuanischen Huaraz. Jedes Jahr zur andinen Sonnwend (Inti Raymi) , organisiert sie zusammen mit dem Verein und Distriktsverwaltung ein Inti Raymi-Fest nach andinem Brauch.  (Hier ist ein Video vom diesjährigen Inti Raymi in der Huaca El Paraiso http://www.youtube.com/watch?v=jBDgSr8yU_o)

Es waren die Nachbarn der Huaca El Paraiso, die am 1. Juli nachmittags den Baggern Einhalt geboten, die eine noch nicht ausgegrabene Pyramide zerstört hatten und sich anmachten, die restlichen Erdhügel und damit auch die vorinkaischen Spuren zu beseitigen. Im Auftrag zweier Baufirmen waren die Arbeiter in die geschützte Zone eingedrungen. Im boomenden Lima ist Baugrund rar und die städtischen Beamten sind empfänglich für Bestechungsgelder. Von der Huaca El Paraiso wurden die Baufirmen nur dank der Wachheit der Anwohner vertrieben. Das ist nicht immer so.

Wieviele Huacas in Lima bereits einem Hochhaus zum Opfer gefallen sind ? Das weiss niemand genau. Dabei sind die archäologischen Ausgrabungsstätten neben den ausgewiesenen Naturschutzgebieten, die einzigen Zonen im Land, in denen per Gesetz nicht einfach eine Strasse, eine Mine oder ein Bohrloch gebaut werden kann. Jeder, der ein Grossprojekt vorhat, muss sich einen archäologischen Unbedenklichkeitsbescheid vorlegen. Ein Grossteil der peruanischen Archäologen – die auch hier sonst eher zur Gattung arbeitsloser Akademiker zählen -  arbeitet für den Staat oder für private Firmen in der Erstellung  dieser Gutachten . Das Kultusminsterium prüft sie dann und gibt die Zustimmung oder Ablehnung des Projektes – analog zu den Umweltgutachten.Für die meisten Firmen ist das CIRA  (certificado de inexistencia de restos arqueológicos) eine reine Formalität – die ihnen aber zulange dauert. Unter den jüngsten Massnahmen der peruanischen Regierung, um die Investitionen zu fördern, befindet sich auch eine neue Vorgabe für das Kultusministerium: wenn sie innerhalb von 20 Tagen die archäologischen Gutachten nicht geprüft haben, so tritt ihre Gültigkeit automatisch in Kraft.

Während um die Güte und Unparteilichkeit der Umweltgutachten in Peru wenigstens öffentlich debattiert wird, ist die Auslöschung des archäologischen Erbes zugunsten von Strassen,  Hochhäusern und Bergbauminen bisher lautlos vor sich gegangen.

sábado, 9 de abril de 2011

Wahlen (9): China, Cholo, Comandante, Gringo - wie kulturelle Stereotypen den Wahlkampf prägen


Wen die Peruaner lieben, den nennen sie bei Vornamen oder geben ihm oder ihr einen Spitznamen. Damit ist man sozusagen in die Familie aufgenommen, im Guten wie im Schlechten. Oft verweisen die Spitznamen auf kulturelle Stereotypen, die im multikulturellen Peru äusserst vielschichtig und dynamisch sind. Die vier aussichtsreichsten Kandidaten für die morgigen Wahlen sind von den Peruanern deswegen längst "getaggt" worden: Comandate, Cholo, China, Gringo.

Schauen wir uns an, wie die Kandidaten diese Stereotypen bewusst einsetzen oder aber sich dagegen wehren.



El "Comandante" Ollanta Humala:

Der Übername "Comandante" rührt von der militärischen Vergangenheit Humalas und erinnert positiv an seinen Putschversuch gegen den in den letzten politischen Zügen liegenden Alberto Fujimori. Vor allem die Wähler in den ländlichen Gegenden wählen Humala eben deswegen: weil sie sich von ihm die Regierung der festen Hand erhoffen, die gegen Schlendrian, Korruption und sonstige Übel vorgeht. Im negativen jedoch erinnert "Comandante" an den karibischen Gevatter Hugo Chávez und unzählige Militärdiktatoren in der peruanischen Geschichte. Und von dem will und muss sich Humala unbedingt absetzen, will er in Peru gewinnen. Seine gesamte Wahlkampfstrategie fusste also darauf, sich vom "Comandante" Image zu befreien und sich als peruanischer Lula zu präsentieren. Bisher hat diese Strategie, auch dank Beratern der brasilianischen Arbeiterpartei, hervorragend funktioniert: Humala liegt in den Umfragen weit vorn und scheint den Einzug in die zweite Runde sicher zu haben. Dementsprechend gelassen zeigt er sich in der letzten Pressekonferenz vor der Auslandspresse. Wie immer im tadellosen dunkelblauen Anzug, nur Böswillige würden die tiefrote Krawatte als Ausdruck einer politischen Gesinnung missverstehen. Ob der "Comandante" in der Stichwahl wieder zum Vorschein kommen wird ? Oder ob ihm die Peruaner bis dahin einen neuen Übernamen gefunden haben ? Davon könnte sein Wahlerfolg am 5. Juni abhängen.

Der "Gringo" Pedro Pablo Kuczynski (PPK):

PPK steht vor dem gleichen Problem wie Ollanta Humala: sein Gringo-Typ ist Segen und Fluch zugleich, will er peruanischer Präsident werden. Die wirtschaftsliberale, gut ausgebildete Oberschicht wählt ihn gerade deswegen. Sie sieht im "Gringo" den Pragmatiker, den Technokraten mit besten Beziehungen zur globalen Wirtschaftselite, den das Land ihrer Meinung nach braucht. Aber in Peru gewinnt man keine Wahlen mit der dünn gestreuten Oberschicht. Und im Volksmund ist ein "Gringo" ein Fremder, niemandem, dem man seine Frau, sein Haus oder gar sein Land anvertrauen würde. Deswegen tut PPK alles, um sein "Gringo"-Image abzuschütteln. Nun kann Ollanta Humala einfach seine Uniform ausziehen, und hoffen, dass die Leute irgendwann mal vergessen, dass er Offizier war. Aber wie soll PPK mit seinen über 1 Meter 80 und seiner weissen Hautfarbe seine Herkunft vergessen lassen ? Aus diesem Grund ist die Kampagne PPKs diejenige mit den volkstümlichsten Symbolen. Alle Banner sind in schreienden Pink-Grün-Rot-Farben gehalten, die gleichen Farben mit denen informelle Geschäfte in den Vorstädten ihre Waren anbieten. Sein Maskottchen ist ein Meerschweinchen, Delikatesse der Bergbewohner, im spanischen "Cuy" genannt. Als "PPKuys" verkleidete Werbeträger verteilen Plüsch-Cuys. Und deswegen lässt sich PPK auch ungeniert an seine Weichteile fassen (siehe vorherigen Eintrag). Ein Gringo wird er für die Peruaner immer bleiben, aber je mehr sie ihn als einen der ihren ansehen, desto mehr steigen seine Wahlchancen.
An der letzten Pressekonferenz vor den Wahlen gibt er sich siegessicher. Eben hat er den Rückhalt der regierenden Apra-Partei zugesagt bekommen. Dafür hat er Alejandro Toledo mit seinem Vorschlag einer breiten demokratischen Front eine Absage erteilt.

La "china" Keiko Fujimori

Bei Keiko spielt ihre ethnische Zugehörigkeit keine Rolle. "China" ist sie nicht wegen der japanischen Abstammung ihrer Eltern, sondern weil sie die Tochter des "Chino" ist. Und el "Chino" ist in Peru nur einer, nämlich Alberto Fujimori.
Im Gegensatz zu Humala oder PPK will Keiko nur die sein, die sie immer war: die gute Tochter. Mit dieser Wahlstrategie fährt sie bestens. Für die Anhänger ihres Vaters verkörpert sie die Politik der festen Hand - und buhlt damit um die gleiche Wählerschaft wie der "Comandante" Humala, der eigentlich keiner mehr sein will.
Zugleich spielt Keiko geschickt auf der Klaviatur der jungen Mutter und Ehefrau. Die rundliche 36-jährige verkörpert so in ihren Worten die harte Hand ihres Vaters, wie auch die Mutter, die sich um ihre Kinder (sprich das Volk) sorgt. Die Strategie geht auf. Einige Umfragen sehen Keiko als Zweitplazierte hinter Humala. Als einzige der vier Kandidaten gab sie gestern keine Konferenz für die Auslandspresse. Bei der liberal-bürgerlichen Auslandspresse, so nimmt sie wohl richtigerweise an, kann sie sowieso nicht punkten. Bei ihren Landsleuten dagegen sehr.

Der "Cholo" Alejandro Toledo

2001 hat Alejandro Toledo die Wahl gewonnen, weil er seine indianische Herkunft als "Cholo" ganz bewusst eingesetzt hat. Geschätzte 80% der Peruaner dürften "Cholos" sein, also mehr oder weniger indianische Wurzeln haben und sich dementsprechend als "Underdogs" in der peruanischen Gesellschaft fühlen. Als "Cholo aus Harvard " verkörperte Toledo den Traum vieler Peruaner auf gesellschaftlichen Aufstieg durch Bildung. In den diesjährigen Wahlen trat er zuerst als Favorit an und muss nun um den Einzug in die Stichwahl-Runde bangen. Für viele Wähler sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen Toledo und seinem früheren Premierminister Kuczynski nicht klar erkennbar. Toledo hat bisher vielleicht zu wenig auf sein positiv besetztes "Cholo" Image gesetzt. In seiner Abschlusskundgebung blitzte der alte "Cholo" Toledo wieder auf. Wenn die Demokratie in Peru gefährdet sei, dann würde er sich wieder seine "vincha", das Indio-Stirnband, anziehen und die Proteste anführen, wie damals gegen Fujimori. In solchen Momenten glaubt man dem "Cholo" und man könnte fast meinen, da sei ein Inka wieder auferstanden, um gegen die Conquista zu Felde zu ziehen. Mal schauen, ob es ihm am Sonntag reichen wird.