domingo, 18 de septiembre de 2011

Currywurst mit Pommes erobert peruanische Küche

Gestern habe ich ein kulinarisches Opfer gebracht: Anstatt für umgerechnet 2 Euro so klangvolle Gerichte wie "Japanisches Schwein mit Thai-Reis", "Lasagne a la Huancaina mit geschmorten Brustspitzen und Butterkäse aus Cajamarca" oder "Schwarze Nudeln auf Macho-Art" der besten Restaurants Lima zu kosten, habe ich eineinhalb Stunden angestanden, um eine Portion Pommes mit Currywurst für 3 Euro zu essen. Grund dafür waren nicht etwa heimatliche Gefühle beim Anblick der Würstchenbude, sondern journalistische Neugier. Der Hit auf der grössten Kulinarik-Messe Lateinamerikas "Mistura" waren nämlich nicht die Gerichte der Edelrestaurants sondern die Pommesbude. Schmeckt Currywurst mit Pommes in Lima - der Heimat so schmackhafter Gerichte wie "Ceviche" (Roher Fisch, besser als jedes Sushi!), des Kartoffelgerichtes "Causa Limenha" oder der Fischsuppe "Parihuela" - etwa besser als in Berlin oder Brüssel? Ich machte die Probe aufs Exempel.
"Die Kartoffeln sind mit Schale, das macht sie besonders krustig", sagt die 19-jährige Adriana, die vor mir in der Schlange steht,um eine Portion "Salchipapas" zu er"stehen". Salchipapas - als die Mischung von salchicha, Wurst, und Pommes, papas fritas - ist sonst ein Strassengericht, das vor allem abends für den kleinen Geldbeutel und kleinen Hunger auf fahrbaren Wägelchen angeboten wird. Die Würstchen schmecken meist nach Sägespänen und Hormonen und die Pommes triefen vor Fett. Dafür kostet eine Portion "Salchipapas" sonst denn auch nur umgerechnet 50 Cent.
Bei Mistura kostet die Portion umgerechnet drei stolze Euro. "Die sind hier einfach besonders lecker", meint das 12-jährige Mädchen, das hinter mir steht. "Sie wollte unbedingt salchipapas", sagt fast entschuldigend ihre Mutter. Die beiden jungen Männer vor mir schlagen die Wartezeit mit ihren iphones tod. Nach einer Stunde in der Schlage feixen sie, dass sie jetzt eigentlich auch keine Salchicpapas mehr wollen, aber jetzt, wo man dem Ziel so nahe ist....

Das Ziel ist eine Würstchengrillerei in einem VW-Bus. Umgebaut hat ihn Juan Giuseppe Montalván, Industrie-Design-Student der Katholischen Universität von Lima. " Wir haben einen Wettbewerb gewonnen, wie man am besten einen VW-Bus zu einer Würstchenbude für Lima umfunktionieren kann", macht der junge Designer Werbung bei den Wartenden.  Der Salchipapa-Bus ist ein weiteres Projekt ("proyecto papeo") - wie könnte es anders sein -  des Begründers des peruanischen Gastronomie-Wunders, Gaston Acurio. Was dieser sympathische Koch-Unternehmer in die Hände nimmt, verwandelt sich in Gold. Mit dem Salchipapa-Bus sollen nun die bisher informellen Würstchen-Verkäufer in die formelle kulinarische Kette des Landes eingebunden werden. Die Stadt Lima will die ersten 10 Konzessionen für Würstchenbuden vergeben. Wird damit Limas Küche revolutioniert ?

Gleich werde ich es selbst probieren. Nach 90 Minuten bin ich am Ziel, sehe zu, wie ein junger verschwitzter Mann in Kochuniform drei Sorten geschnittener Würstchen  in eine Fritteuse tut, dasselbe macht er mit daumendicken Kartoffelstiften (mit Schale!). Die frittierten Kartoffeln werden auf einen Pappkarton getan, die frittierten Wurstscheiben (chorizo, chorizo picante und Wiener Würstchen) draufgeschichtet. Fünf Saucen machen die Salchipapa perfekt: Mayonnaise, Senf, Huancaina, Aji und Aji Rocoto. Wer möchte kann noch eine Extra-Portion scharfe Sauce dazunehmen. Die Vielfalt der Saucen ist dann das peruanische an der Wurst.

Schmecken tut das ganze für eine  peruanische Salchipapa ....... na ja. Die Würstchen schmecken immerhin nicht ganz so sägespan-mässig wie ihre Billigvariante, und die Pommes sind knusprig und schmecken tatsächlich nach Kartoffel. Ansonsteá: viel Fett, viel Kohlehydrate, und viel bunte Sauce. Warum jemand dafür 90 Minuten ansteht, bleibt mir ein Rätsel.  Ich zumindest halte mich  beim Dessert für die verpasste kulinarische Gelegenheit schadlos: ein deliziöser Flan aus Quinoa, gefolgt von einem Pisco Sour mit Pisco aus Lunahuaná und, als zweites Dessert noch eine Creme aus Aguaymanto (Kapstachelbeere) gekrönt mit Eiweissschaum beweisen mir, dass Lima zurecht gastronomische Hauptstadt Amerikas genannt wird.




miércoles, 14 de septiembre de 2011

Peruvian Honeymoon

Ollanta Humala verkündet das "Gesetz zur Konsultation" in Bagua, 6. September 2011
Nein, es ist kein Oxymoron, keine rhetorische Verschleifung zweier Gegensätze: Peru erlebt Flitterwochen. Mit seinem neuen Präsidenten, mit seiner Fussballmannschaft und natürlich mit seiner Gastronomie. Etwas ungewohnt für ein Land, das sich so lange als Armenhaus und "failing state", als Land der Extreme vorkam. Zuletzt als sich der Linksnationalist und ehemalige Putschist Ollanta Humala und die Diktatorentochter Keiko Fuijmori in der Stichwahl gegenüber standen. Humala gewann, unter grössten Bedenken sowohl aus Wirtschaftskreisen wie auch aus Kreisen derjenigen, die um die Demokratie in Peru fürchteten.  6 Wochen nach seinem Amtsantritt kann Ollanta Humala auf den Rückhalt von 70% der Bevölkerung zählen, wie eine jüngste landesweite Umfrage ergab. Das sind fast 20% mehr als die 52%, die vor drei Monaten für Humala gestimmt haben. Drei Gründe mögen den Ausschlag geben für diese hohe Beliebtheit:
Zum einen hat Humala mit der Ernennung eines marktfreundlichen Finanzministers die aufgeschreckten Wirtschaftskreise beruhigt. Nachdem Miguel Castilla im Finanzministerium und Julio Velarde als Direktor der Zentralbank ernannt wurden, stiegen die Wachstumsraten und der Konsum wieder heftig an. Zur gleichen Zeit als eine Ratingagentur die Bonität der USA herunterstuften, wurde die Bonität von fünf peruanischen Banken heraufgesetzt.
Daran hat - oh Wunder! - auch die Tatsache nichts geändert, dass Humala gleich zwei seiner Wahlversprechen umgesetzt hat, die im Vorfeld von Humalas Gegnern als Schreckgespenst einer kommunistischen Herrschaft an die Wand gemalt wurden: mit den Bergbauunternehmen hat die Regierung eine neue Sondersteuer vereinbart, die mindestens 800 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich in die Staatskassen bringen wird. Am 6. September hat Humala zudem ein Gesetz verkündet, das von Seiten der indigenen Bewegungen sehnsüchtig erwartet wurde. Die "Ley de Consulta Previa" schreibt nun vor, dass der peruanische Staat vor jeder Massnahme, die in den Lebensraum indigener Völker eingreift, einen interkulturellen Dialogprozess in Gang setzen muss. Damit, so hoffen alle, werden die über 200 örtlichen sozialen Konflikte im Vorfeld und auf friedliche Art und Weise gelöst werden können!

Zu Humalas Beliebtheit mag auch sein Regierungsstil beitragen: Ollanta Humala zeigt sich wenig in den Medien, reist dafür öfter in die Provinzen und gibt das Bild eines, der weniger redet aber dafür etwas tut. Nach dem grossprecherischen Vorgänger Alan García empfinden dies viele Peruaner als einen wohltuenden Regierungsstil.

Wenn man noch dazu nimmt, dass die peruanische Nationalmannschaft den dritten Platz bei der Lateinamerika-Meisterschaft im Fussball errungen und den Torschützenkönig gestellt hat, und dass sich momentan die besten Köche der Welt ein Stelldichein in Lima geben, um die grandiose peruanische Gastronomie zu feiern, dann fällt es nicht schwer, sich die momentane Hochstimmung in Peru vorzustellen.

Das Hochgefühl ist gewöhnungsbedürftig, ist Peru doch ein Land auch der geographischen Extreme, wo hinter dem erklommenen Gipfel gleich der steile Abgrund lauert. Die Analysten weisen denn auch darauf hin, dass die Flitterwochen von kurzer Dauer sein werden: die ersten lokalen Protestbewegungen bringen sich schon in Stellung, weil ihre Forderungen nicht zu 100% erfüllt werden. Die Rechte wartet nur auf den ersten Ausrutscher Humalas um neue Schreckgespenster heraufzubeschwören. Und Humalas schreckliche Verwandtschaft - ein wegen Aufstand mit Todesfolge einsitzender Bruder, ein faschistischer Vater, eine homophobe Mutter, ein russenfreundlicher Bruder, der Staatsgeschäfte mit privaten Geschäften verwechselt - ist eine wandelnde Zeitbombe. Nicht zu reden von der (noch) weit weit weg erscheinenden Weltwirtschaftskrise.

Die Flitterwochen mögen kurz sein - geniessen sollte man sie umso mehr.


lunes, 25 de julio de 2011

Wider den Opferkult


Mitglieder der ANFASEP aus Ayacucho demonstrieren für ihre verschwundenen Angehörigen / Karin Orr, 2010 Peace Fellow, flickr

Fast 30 Jahre ist es her, dass Angélica Mendoza auf dem Marktplatz von Ayacucho gegen das Verschwinden ihres Sohnes Arquimedes protestierte. Ihre Angehörigen haben Angélica Mendoza und ihre Mitstreiterinnen nicht wiedergefunden, aber die Kleidungsstücke ihrer verschwundenen oder getöteten Lieben hängen heute im „Museo de la Memoria“ der Opferorganisation ANFASEP in Ayacucho.

Seit dem Erscheinen des Berichtes der Wahrheitskommission vor acht Jahren weiß man in Peru, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem maoistischen „Leuchtenden Pfad“ und der peruanischen Armee 70 000 Opfer gekostet haben, die meisten von ihnen, wie Angelica Mendozas Sohn, quechuasprechende indigene Bauern aus dem Hochland. Im Gefolge des Berichtes der Wahrheitskommission sind an vielen Orten Perus Gedenkstätten für die Opfer des Bürgerkrieges entstanden. Eine Tagung an der Universität Hamburg untersuchte kürzlich, wie Peru das Trauma des Bürgerkrieges verarbeitet und welche Rolle die Gedenkstätten dabei spielen.

Ausländer bauen Museen

Die Museen sehen alle sehr ähnlich aus, sagt Markus Weissert von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung in Berlin: sie stellen Kleidungsstücke und Fotos der Verstorbenen aus sowie Kunsthandwerk, das erlebte Gräuelszenen darstellt. Das Museum der Asociación Nacional de Familiares de Secuestrados, Detenidos y Desaparecidos del Perú (ANFASEP) in Ayacucho ist wie die meisten jüngsten Erinnerungsstätten in Peru nur mit Hilfe der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zustande gekommen. Oft kam sogar die Initiative zum Bau der Gedenkstätten aus dem Ausland.

Die nationale Gedenkstätte, die in Lima nächstes Jahr eingeweiht werden soll, wurde mit Hilfe einer Millionen-Spende der deutschen Bundesregierung erbaut. Dabei wollte die peruanische Regierung das Geschenk zuerst gar nicht annehmen, sagte, es gäbe in Peru wichtigere Dinge als ein Museum. Auch die Opfervereinigungen wurden nicht in das Vorhaben einbezogen. Markus Weissert sieht das Vorhaben des „Lugar de Memoria“ deshalb durchaus skeptisch: „Das ganze ist also eher ein top-down-Elitenprozess mit immer noch sehr offenem Ausgang, was den Erfolg anbelangt.“

Aufarbeitung in Schulen ungenügend

Gerade bei deutschen Initiativen zur Errichtung von Gedenkstätten wird mit dem vorbildhaften deutschen Prozess der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit argumentiert. Eine Argumentation, die laut Weissert, falsch ist. Nicht der Bau von Denkmälern, sondern die Aufarbeitung im Schulunterricht sei für den deutschen Prozess ausschlaggebend gewesen. Und damit sieht es in Peru schlecht aus. „Wenn man in die Gästebücher der Erinnerungsmuseen in Peru schaut, dann stehen dort vor allem Namen von ausländischen Touristen und von Menschenrechtlern“.

In den peruanischen Gedenkstätten werden die Verschwundenen und Toten als unschuldige Opfer dargestellt, die zwischen die Fronten geraten sind. Dabei ist die Wahrheit nicht so einfach. „Es gibt kaum ‚chemisch reine’ Opfer“, sagt Rocio Silva-Santisteban, Literaturwissenschaftlerin und Generalsekretärin des Dachverbandes peruanischer Menschenrechtsgruppen. Sie hat sich mit weiblichen Angehörigen des „Leuchtenden Pfades“ beschäftigt und stellte fest, dass Opfer auch Widerstandsheldinnen oder sogar Täterinnen waren, und Täterinnen auch zu Opfern werden konnten. „Das kann ich aber in Peru noch nicht sagen, die Zeit ist dafür noch nicht reif. Das kann ich nur im Ausland sagen“, bemerkt Silva-Santisteban.

Fortwährende Erinnerung

Vielleicht ist es genau das, was Peru von der deutschen Vergangenheitsbewältigung lernen kann: 30 Jahre sind sehr wenig, um erlittene Traumata zu verarbeiten und ein differenziertes Bild auf die jüngste Gewalt-Geschichte zu werfen. In Deutschland hält die Diskussion darüber, ob im Zweiten Weltkrieg Opfer auch Täter und Täter auch Opfer waren, bis heute an.

(Quelle: www.blickpunkt-lateinamerika.de)

sábado, 25 de junio de 2011

Rios Wahrzeichen kommt in Kopie nach Peru - mit Beigeschmack


Ein Casino-Christus für Lima

Von Hildegard Willer (KNA)
Lima (KNA)

In Peru ist man daran gewöhnt, dass sich Präsidenten und Politiker gerne aus der Staatskasse bedienen. Dass hingegen ein scheidender Präsident seinem Volk ein Geschenk macht, ist eine neue Erfahrung für die Peruaner. Reichlich verdutzt nahmen sie deshalb die Ankündigung ihres Präsidenten Alan Garcia zur Kenntnis, dass er der Hauptstadt Lima zum Abschied eine Christusstatue stiften werde.

"Es war immer mein Wunsch, der Stadt ein Sinnbild zu schenken für den Segen Perus und den Schutz Limas", sagte der 62-jährige Garcia, dessen Amtszeit am 29. Juli diesen Jahres endet. Die Staatskasse soll das Projekt keinen Cent kosten. Der brasilianische Baumulti Odebrecht würde die 833.000 US-Dollar teure Christusfigur bezahlen, Alan Garcia aus eigenem Säckel umgerechnet rund 30.000 US-Dollar beisteuern.

Um die Bevölkerung von Lima zu fragen, ob sie das Geschenk überhaupt möchte, war es zu spät. Die 37 Meter hohe Christusstatue war bereits im Hafen Callao eingetroffen, und am 29. Juni, am kirchlichen Festtag des Heiligen Peter und Paul, will Garcia das Monument einweihen.

Denn es handelt sich nicht um irgendeine Statue. Über der Pazifik-Küste soll eine genaue Kopie des berühmten Cristo do Corcovado von Rio de Janeiro thronen - jene Skulptur, die vor zwei Jahren in einer Internet-Abstimmung zu einem der sieben neuen Weltwunder gekürt wurde. Als "Christus vom Pazifik" soll die Glasfaserkunststoff-Nachahmung des Originals etwas vom Ruhm der brasilianischen Metropole an den Pazifik bringen. Nachts wird sie, in 26 Farben beleuchtet, weit über den Pazifik strahlen.

Laut einer Umfrage finden 51 Prozent der Bewohner Limas die Initiative ihres Präsidenten gut. Auch die Peruanische Bischofskonferenz sieht die neue Christusstatue mit Wohlgefallen. Doch nicht alle sind begeistert. Zu den 37 Prozent der Kritiker gehört der Psychoanalytiker Jorge Bruce. "Diese billige Kopie erinnert eher an einen Casino-Christus in Las Vegas", findet er. So ein Ding könne man in einen Vergnügungspark stellen, es aber Lima als Geschenk aufzunötigen, sei unverschämt und ein Zeugnis abscheulich schlechten Geschmacks.

Die Oberbürgermeisterin von Lima, Susana Villaran, eine politische Gegnerin des scheidenden Präsidenten, legte ebenfalls Protest ein. Wenn die Christusstatue ein Sinnbild der brasilianisch-peruanischen Integration darstellen solle, dann müsse sie viel eher an der neuen Amazonas-Straße "Interoceanica" stehen, welche die beiden Länder verbindet.

Zufällig wurde der internationale Highway vom Konzern Odebrecht gebaut, dem Hauptsponsor der Monumentalstatue. Das erste Wunder hat Christus schon gewirkt, spottete das peruanische Internetmagazin "La Mula": Drei Tage nach der Ankündigung des Geschenks, erhielt Odebrecht auch den Zuschlag für den Bau der Hochbahn von Lima.

Die Gegner der Statue meinen, dass Garcia nicht so sehr Christus, sondern vor allem sich selbst ein Denkmal setzen möchte. Schließlich hat der Politiker es schon zweimal bis zum Präsidenten gebracht - wenn es auch bis zum zweiten Mandat 16 Jahre dauerte. So lange möchte der 62-Jährige nicht wieder warten. Laut peruanischer Verfassung darf er schon im Jahr 2016 wieder antreten. Und dreimal zum Präsidenten gewählt zu werden, das hat noch kein Peruaner bisher geschafft. Dafür braucht es wahrlich Beistand von oben.

martes, 7 de junio de 2011

Humala siegt (auch) dank sozialer Netzwerke

Gecco!, Flickr

Bei der Stichwahl am 5. Juni haben die Peruaner den Linksnationalisten Ollanta Humala zu ihrem Präsidenten gewählt. Voraussichtlich erzielte er drei Prozentpunkte mehr als seine Gegnerin, Keiko Fujimori. Dieses deutliche Wahlergebnis hat nicht nur die Anhänger von Humalas Gegnerin, Keiko Fujimori, überrascht, sondern auch viele Anhänger Humalas selbst. So klar es seit Wochen war, dass die Peruaner in den südlichen Andengebieten mit großer Mehrheit Humala wählen würden, so klar schien auch, dass Keiko Fujimori in der Hauptstadt Lima überragend gewinnen würde. Und ohne Lima gewinnt man in Peru keine Wahlen.

Dass Fujimoris Sieg in Lima mit 57 Prozent wesentlich geringer ausfiel als erwartet - oder befürchtet - ist den Menschenrechtsgruppen und den sozialen Netzwerken zu verdanken.

Bloggen gegen Fujimori

„Der Marsch vom 26. Mai war ausschlaggebend dafür, dass die Kampagne Ollanta Humalas nochmal an Fahrt gewann“. Davon ist Roberto Bustamente überzeugt. Er ist Dozent und Forscher für neue Kommunikationstechnologien an der Jesuitenuniversität Ruiz de Montoya in Lima und hat selbst unter dem Pseudony www.elmorsa.pe gegen die Kandidatur Keiko Fujimoris gebloggt.

Zwei Wochen vor dem Wahlsonntag war selbst bei eingefleischten Humala-Anhängern in der Hauptstadt Depression angesagt. Zu übermächtig erschien die Pro- Fujimori-Koalition aus Wirtschaftselite, Mittelschicht und der großen Mehrzahl der Mainstream-Medien. Deren Angstkampagne, dass mit Humala ein peruanischer Hugo Chávez sich ihres Eigentums bemächtigen würde, hatte in Lima mächtig eingeschlagen. Schließlich hat die Hauptstadt, anders als das andine Hinterland und Amazonien, vom bisherigen Wirtschaftsmodell profitiert. Die Erinnerung an die Menschenrechtsverletzungen und die Korruption unter der Regierung des Vaters von Keiko Fujimori, Alberto Fujimori, schienen dagegen zu verblassen.

Erfolgreicher Protestmarsch

Dennoch rief der Dachverband der peruanischen Menschenrechtsgruppen zum Protestmarsch am 26. Mai auf. Und, was niemand für möglich gehalten hatte – an die Zehntausend Limenhos kamen und skandierten, dass ihnen Demokratie und Transparenz wichtiger seien als der eigene Geldbeutel. Unter ihnen waren viele Studierenden, die die 90-er Jahren nur aus Erzählungen kannten. „Die Straße ist die Straße“, meint dazu Roberto Bustamante, „den Effekt von Tausenden von friedlichen Demonstranten kann kein Internet ersetzen“.

„Memorex“ über soziale Netzwerke

Ebenso wichtig wie der Marsch selbst, war die Vorbereitung und die Nachbereitung in den sozialen Netzwerken. Via Twitter , Facebook und youtube machten die berüchtigten „Vladi-videos“, die 2000 zum Sturz Fujimoris geführt hatten, wieder die virtuelle Runde. Eine Dosis „Memorex“ , eine Pille gegen den gesellschaftlichen Gedächtnisschwund verabreichten die alternativen digitalen Medien. Sie übernahmen zum Teil auch die Nachrichtenfunktion, die von den großen Tageszeitungen und Fernsehsendern in ihrer Panikmache vor Humala nicht mehr wahrgenommen wurden.

Zwei Internet-Plattformen taten sich besonders hervor: „La Mula“ (www.lamula.pe) , eine Plattform für Bürgerjournalismus und verschiedene Blogs, die von der gemeinnützigen „Red Científica Peruana“ gesponsert wird. Das investigative Journalismus-Projekt „IDL-Reporteros“ (www.idl-reporteros.pe) unter Leitung von Gustavo Gorriti stellte seine Recherchen online zur Verfügung.

Kapitale Kommunikationsfehler

Langsam wurde aus der virtuellen No-Keiko-Bewegung eine Pro-Humala-Bewegung. Nicht ohne Vorbehalt, denn schließlich ist Humala ein ehemaliger Putschist und Militär, dessen Demokratiefestigkeit durchaus Zweifel zulässt. In der letzten Woche vor der Stichwahl machten jedoch Fujimoris Sprecher kapitale Fehler: Sie sagten Sätze wie „Wir haben weniger gemordet als andere Regierungen“ oder „Sie wurden nicht gegen ihren Willen sterilisiert, sondern ohne ihren Willen“ als Rechtfertigung für Tausende zwangssterilisierter Bäuerinnen während des Fujimori-Regimes.

„Diese Sätze fielen zuerst in den großen Medien, aber dank der digitalen Netzwerke der Fujimori-Gegner machten sie schnell die Runde und brachten bis dahin Unentschlossene dazu, gegen Fujimori zu stimmen“, erinnert sich Roberto Bustamante. Sein Post am Abend des Wahltages: „Ich glaube , dass die No-Keiko-Kampagne ihr Ziel erreicht hat. Glückwunsch!“

(in: www.blickpunkt-lateinamerika.de)

lunes, 6 de junio de 2011

Nobelpreisträger hievt Ex-Militär ins Präsidentenamt

Von Hildegard Willer (KNA)
Lima (KNA)

Die Peruaner haben am Sonntag (Ortszeit) voraussichtlich den Linksnationalisten Ollanta Humala zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Nach Auszählung von 75 Prozent der Wählerstimmen führt Humala mit 50,08 Prozent der Stimmen äußerst knapp vor Keiko Fujimori, die dato 49,91 Prozent Stimmen auf sich vereinen konnte. Es wird erwartet, dass sich der Abstand Humalas zu Fujimori noch vergrößert, da die Stimmen aus den ländlichen Gebieten noch nicht ausgezählt sind und diese zu Humalas Stammwählerschaft zählen.

Humala und Fujimori verkörpern zwei Extrempositionen im Politspektrum Perus. Die 36-jährige Keiko Fujimori ist die Tochter von Ex-Präsident Alberto Fujimori, der wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption eine 25-jährige Haftstrafe verbüßt. Der 48-jährige Ollanta Humala ist ein ehemaliger Offizier, der vor elf Jahren gegen das korrupte Fujimori-Regime putschte. In einem extrem polarisierten Wahlkampf hat es Humala besser als Fujimori verstanden, die Peruaner davon zu überzeugen, dass er die demokratischen Institutionen respektieren und die Korruption effektiv bekämpfen werde.

Unerwartete Schützenhilfe bekam er dabei von Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Der bekennende Liberale und Romancier hat für Militärs und deren Diktaturen, von denen die lateinamerikanischen Geschichtsbücher voll sind, wenig übrig. Noch weniger allerdings kann er der Familie Fujimori abgewinnen. Alberto Fujimori hatte in den 90er Jahren den Kongress vorübergehend geschlossen, hatte Todesschwadronen auf Studenten schießen lassen und Korruption im großen Stil erlaubt.

Für Vargas Llosa war die Aussicht, nach nur zehn Jahren Demokratie, in diese Zeit der Diktatur zurückzufallen, schlimmer als eine Präsidentschaft Humalas mit vielen Fragzeichen. Er und sein Sohn Alvaro Vargas Llosa haben sich aktiv für die Wahl Ollanta Humalas eingesetzt und eindrucksvoll gezeigt, dass wertliberal nicht dasselbe ist wie wirtschaftsliberal. Sehr wahrscheinlich haben sie damit Humala zu jenem Quäntchen Stimmen verholfen, das ihm letztlich den Sieg einbrachte.

Aus Protest gegen die Parteinahme der meisten Medien für Keiko Fujimori ging Vargas Llosa sogar mit der ältesten und angesehensten Tageszeitung Perus, "El Comercio" ins Gericht. Vargas Llosas wöchentliche weltweit erscheinende Kolumne ist nun im Konkurrenzblatt zu lesen. Die Wirtschaftseliten des Landes, bis dahin die ersten Bewunderer des peruanischen Nobelpreisträgers, unterstützten nämlich Keiko Fujimori, weil diese versprach, das liberale Wirtschaftsmodell weiterzuführen. Dank der globalen Rohstoffnachfrage verschafft es dem Staat und vor allem den Unternehmen hohe Gewinne.

Der Preis für das anhaltende Wirtschaftswachstum sind jedoch eine große Zahl sozialer Konflikte in den ländlichen Gebieten, in denen die Rohstoffe - Gold, Silber, Kupfer, Erdöl, Erdgas - abgebaut werden. Die Schürfrechte werden vom Zentralstaat vergeben, ohne dass die lokale Bevölkerung gefragt wird. Hier findet Humala seine Anhängerschaft. Mit einem gemäßigten Diskurs hat er zudem viele Peruaner überzeugen können, dass er kein peruanischer Hugo Chavez ist.

Der venezolanische Präsident gilt vielen Peruanern als Inbegriff eines wirtschaftsfeindlichen Diktators - , sondern dass er dem in Lateinamerika hoch angesehenen ehemaligen brasilianischen Präsidenten und Gewerkschafter Luiz Inacio Lula da Silva nacheifern möchte. Dieser hat es geschafft, marktwirtschaftliche Freiheit mit einer staatlichen Umverteilungspolitik und einer nationalen Industriepolitik zu verbinden. Dass Humala zwei hochrangige Berater aus dem Umfeld Lulas in seinem Team hatte, wird auch als strategische Annäherung Humalas an den großen Nachbarn Brasilien gesehen. Innerhalb Südamerikas bedeutet die Wahl Humalas, dass sich der Linksruck in den Regierungen fortsetzt. Nur noch Kolumbien und Chile werden von Konservativen regiert.

(Quelle: KNA)

domingo, 5 de junio de 2011

Ein 5. Juni in Peru - eine Dosis "Memorex"


"Memorex" - die Pille für alle, die an gesellschaftlichem Gedächtnisschwund leiden. Als solcherart verpackte "Medizin" brachten die Keiko-Fujimori-Gegner in den letzten Tagen die Übeltaten des Fujimori-Regimes der 90-er Jahre wieder in Erinnerung.
Wenn man allerdings verstehen will, warum die Peruaner heute die Wahl zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten der Extreme haben, dann reicht eine geringere Dosis Memorex: auf en Tag genau vor zwei Jahren kündigte sich im Massaker von Bagua bereits an, dass im neuen Wirtschaftswunderland Peru einiges faul ist.
Zur Erinnerung: die Indigenas des Amazonastieflandes hatten monatelang gegen die von Alan García vorgesehenen neue Eigentumsregelung des Amazonasgebietes protestiert. Der peruanische Staat wollte die Gemeinschaftsrechte der Indigenas einschränken, um einfacher Schürf- und Bohrrechte an in- und ausländische Investoren vergeben zu können. Protest heisst in Peru meist die Blockade einer der grossen und wenigen Überlandstrassen. So blockierten vor zwei Jahren auch die Indigenas die Strasse zu einem für die Hauptstadt wichtigen Erdöldepot. Als die Polizei die Blockade gewaltsam auflösen wollte, kam es zu gewaltsamen Zusammenstoss, 22 Polizisten und 11 Indigenas starben. Präsident García musste daraufhin seine Gesetzesvorlage zurückziehen.

Die Problematik der Einbeziehung lokaler Bevölkerung - sei sie nun indigen oder mestizisch - bei der Vergabe von Schürf-, Bohr- und sonstigen Nutzungsrechten des ressourcenreichen Anden- und Amazonasgebietes ist jedoch in Peru bis heute beileibe nicht gelöst. Denn zwar hat Peru den Artikel 169 der ILO unterzeichnet, der ein Mitspracherecht der indigenen Bevölkerung verbrieft. Der
Artikel wurde jedoch bis heute nicht in Peru in Kraft gesetzt. Diese fehlende Mitsprache ist der Hauptgrund für die über 250 sozialen Konflikte im Landesinneren. Beinahe hätten diese Konflikte sowohl die erste wie auch die zweite Wahlrunde in Bedrängnis gebracht. Zur Erinnerung: erst kurz vor der ersten Wahlrunde am 10. April kündigte Präsident Alan García die Genehmigung für ein grosses Kupferabbauvorhaben im Süden Landes. Tagelange gewalttätige Proteste waren vorhergegangen, drei Menschen kamen zu Tode.
Auch die Stichwahl am 5. Juni schien gefährdet. In der Region Puno, an der Grenze zu Bolivien, protestierten Tausende von Bauern und Gewerbetreibenden tagelang gegen die bereits vergegebenen Schürfrechte auf ihrem Land. Die Regierung setzte die Schürfrechte temporär aus, die Protestanten beruhigten sich - vorerst.
Wer immer auch am 5. Juni gewinnen wird, dem künftigen Präsidenten oder der Präsidentin wird die Regelung der Mitsprache bei der Vergabe von Nutzungsrechten noch einiges an Kopfschmerzen bereiten. Der springende Punkt ist ja nicht die Mitsprache, sondern ob den lokalen Gemeinschaften ein Vetorecht eingeräumt wird, und zu welchem Zeitpunkt der Projektentwicklung die explizite Zustimmung der lokalen Bevölkerung vorliegen muss.
Keiner der zwei Kandidaten hat sich ganz eindeutig bisher dazu geäussert, ob er der lokalen Bevölkerung ein Vetorecht einräumen möchte. Keiko Fujimori, die sich als Kandidatin der Investoren sieht, hat ihren Armutsberater Hernán de Soto vorgeschickt. Dessen Allheilmittel gegen jeglichen Konflikt ist die Landtitulierung. Die sei viel radikaler als der ILO-Artikel 169, sagte er in einer Pressekonferenz. Die Antwort darauf, wie er die verschiedenen Eigentumsansprüche und -vorstellungen (Gemeinschafts- gegen Individualbesitz) regeln will, blieb er schuldig.
Auch Ollanta Humala hat sich in der Pressekonferenz vom 3. Juni in Lima nicht eindeutig zu einem Vetorecht der lokalen Bevölkerung bekannt. Ollantas Stammwählerschaft sind genau die aufgebrachten lokalen Bevölkerungen in den südlichen Landesteilen. Will Ollanta die Wahl gewinnen, muss er jedoch auch unter den Hauptstadtbewohnern punkten. Und hier meinen viele, dass durch ein Vetorecht viele Investitionen auf Eis gelegt würden und damit auch die in ihren Augen so erfolgreiche Entwicklung Perus Schaden nehmen würde.