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domingo, 27 de octubre de 2013

Der Tod des Clowns



Eine Vorzeigemine sollte es sein, das Kupferbergwerk Tintaya Antapaccay des Schweizer Rohstoffkonzerns X-Strata im peruanischen Hochland. Dennoch kamen bei gewaltsamen Protesten gegen die Mine im Mai 2012 drei Menschen ums Leben. Was lief falsch ?

Am 27. Mai 2012 war Walter Sencia aus dem peruanischen Espinar zur falschen Zeit am falschen Ort. Der 24-jährige hatte  am Protestmarsch gegen die Kupfermine Tintaya teilgenommen. Eine verirrte Kugel, wahrscheinlich aus den Reihen der Polizei, traf ihn tödlich. „Dabei hat sich Walter doch gar nicht für Politik interessiert“, schluchzt die hochschwangere Witwe, selbst erst 20 Jahre alt, drei Monate später und zeigt ein leicht unscharfes Papierfoto, auf dem der Verstorbene im Clownskostüm eine Kindergruppe in Bann haelt. Walter Sencia hatte seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Clown bei Kindergeburtstagen verdient.
Die wenigsten Peruaner waren jemals in Espinar. Die gleichnamige Provinz mit ihren 72 000 Bewohnern liegt aufeiner Hochebene auf 4000 Meter innerhalb des Departaments Cusco, weit entfernt vom Touristentempel Macchu Picchu. Die Luft ist dünn, der Wind kalt, die Sonne gleissend,  die Erde karg und baumlos, die Stadt selbst gelb-grau. Nur  der Himmel scheint so tiefblau, als ob er für alle Unbill der Natur  entschädigen muss.  In Espinar zu leben ist hart. Es könnte etwas angenehmer werden durch die Ansiedlung einer grossen Kupfermine, hofften viele.
Seit 30 Jahren wird vor den Toren Espinars Kupfer abgebaut. Zuerst durch den peruanischen Staat, dann durch eine australische Firma, seit 2006 ist die Mine Tintaya Antapaccay im Besitz des Schweizer Rohstoffkonzerns X-strata.   X-strata rühmt sich seiner vorbildlichen  Sozial- und Umweltstandards im allgemeinen, und in Espinar ganz besonders. Von der Vorgängermine übernahm X-strata die freiwillige Selbstverpflichtung, mittels eines Rahmenvertrags mit der Gemeinde 3% des Gewinns fuer  Entwicklungsprojekte in  Espinar zur Verfuegung zu stellen. Immerhin 70 Millionen US-Dollar sind damit in den letzten 10 Jahren zusammengekommen.
“Auf  unser Schulprojekt sind wir richtig stolz”, sagt Marco Santos, bei Xstrata Copper zuständig für die Beziehungen mit der lokalen Bevoelkerung .   Die Ausstattung des  Zentrum für schulische Ressourcen würde  jeder Schweizer Dorfschule Ehre machen:  Indianermädchen in blauen Trainingsanzügen sprechen im Sprachlabor konzentriert die englischen Worte nach, die der Beamer an die Wand projiziert. Im Chemielabor stehen die neuesten Apparate, um den Kindern von Espinar die Grundzüge der Physik und Chemie beizubringen.  Der Raum für Frühförderung ist der  Traum jeder Heilpädagogin.  In dieses Zentrum kommen alle Schulklassen aus Espinar wochenweise, um mit gezieltem Zusatzunterricht die defizitäre staatliche Schulbildung zu ergänzen.  Gebaut wurde das Zentrum mit Geldern aus dem Rahmenabkommen,  das die Mine Tintaya Antapaccay mit der Provinz Espinar geschlossen hat.  Gebaut und gefuehrt wird das Projekt von der  „Tintaya-Stiftung“.

Genau diese ist das Problem. Die firmeneigene Sozialstiftung ist für die Durchführung der Projekte aus dem Rahmenabkommen zuständig.  Das Schulprojekt CREE zeugt für ihre Effizienz. Dennoch hat sich der Zorn der protestierenden Bevölkerung Ende Mai gegen die Stiftung Tintaya gerichtet. „Mine raus“ steht auf dem ausgebrannten Gebäude  der Stftung in Espinar.  Es scheint, Effizienz alleine genügt  in Espinar nicht, um geliebt zu werden.
Für Oscar Mollohuanca ist  die Mine ein Segen und ein  Fluch zugleich. Der  kleine Mann mit der Nickelbrille gehoert einer linken, bergbaukritischen Partei an und ist schon zum zweiten Mal von der Bevoelkerung Espinars zu ihrem Bürgermeister gewaehlt worden.  Nun residiert er in einem fünfstöckigen neuen Stadtpalast mit verspiegelter Glasfassade, wie sie dank der neuen Steueraufkommen aus dem Bergbau viele Andendörfer schmücken. Bei der Aushandlung des neuen Rahmenvertrages zwischen Gemeinde und Mine  ist das Gebahren der  Tintaya-Stiftung bis heute ein strittiger Punkt. „Die Mine benutzt die Stiftung, um politische Arbeit zu machen, und soziale Kontrolle auszuüben“, klagt Mollohuanca an.

  Mit gezielten Projektvergaben wuerden sie Bauern gefuegig machen und zum Beispiel dazu bringen, von Klagen wegen Umweltverschmutzung abzusehen. Er fordert, dass die mit Geldern aus dem Rahmenabkommen errichteten Projekte in die Hände der Provinzverwaltung übergehen, und dass die Stiftung ihre Arbeit einstelle.   Vielen Menschen in Espinar scheint die Macht der Mine suspekt zu sein: nicht nur, dass sie das grösste Wirtschaftsunternehmen im weiten Umkreis ist;  nun macht sie auch noch in Sachen Entwicklung.  Was bleibt da noch fuer einen Buergermeister zu tun uebrig ?
Die Mine ist gezwungen, sich das Wohlverhalten der Bevoelkerung zu erkaufen, weil sie gerade das nicht bieten kann, was man traditionellerweise von einem Wirtschaftsunternehmen erwartet: Arbeitsplätze. Ein Besuch in der Mine Tintaya macht deutlich, warum es eher unwahrscheinlich ist, dass die Indianermaedchen, die im Schulzentrum der Mine Englisch bueffeln, dort einst auch Arbeit finden werden. Überlebensgrosse Lastwagen und ebenso gigantische Schaufelbagger graben die Erde Tag und Nacht um. In der Hüttenanlage reichen drei Ingenieure am  Kontrollstand aus, um die ganze Kupferproduktion instand zu halten.  Der moderne Bergbau funktioniert mit vielen Maschinen und wenig Menschen. Die wenigen Arbeitskraefte findet er nicht in Espinar, sondern in den Städten Lima, Arequipa, Cusco, wo  Ingenieure ausgebildet werden.  70% der Arbeitskraft in der Mine soll laut Rahmenvertrag  aus Espinar stammen. Bisher sind es 35% - und auch das nur, weil  für den Aufbau der  neuen Mine Antapaccay temporäre Bauarbeiter gebraucht werden.
In Espinar misstrauen die Menschen jedoch nicht nur der Mine, sondern ebenso  ihrem aus der Hauptstadt gefuehrten Staat. Der, so ihre Verdacht, wuerde nicht etwa gemeinsame Sache mit seinen Buergern in Espinar, sondern mit der Mine machen. Der Verdacht ist nicht immer von der Hand zu weisen.
Ein paar Kilometer ausserhalb der Stadt lagert die Mine Tintaya  ihren Abraum in einem Staubecken. Ein Damm verdeckt den Blick darauf, man sieht nur einen  Bewaesserungskanal, der ein Rinnsal fuehrt.


 Das sei  verseuchtes Sickerwasser aus dem Abraumsee, klagen die Bauern trotz aller gegenteiliger Beteuerungen Tintayas. Die Bauern  haben hier ein paar Kuehe oder Schafe, bauen Kartoffeln und Quinoa fuer den Hausgebrauch an. Ein paar Jungen binden Stroh und bringen es mit ihrem Fahrrad weg. Einen Traktor haben die wenigsten. Mitten in der menschenleeren Landschaft tauchen auf einmal zwei Polizisten auf und verwehren den Bauern den Zutritt. Im Auftrag der Mine bewachen sie deren Gelaende. Der peruanische Staat erlaubt, dass seine Polizisten in ihrer Freizeit und in offizieller Uniform mit privaten Wachdiensten ihr schmales Staatssalaer aufbessern . In der Mine Tintaya gab es sogar einen Polizeiposten innerhalb des Firmengelaendes. Fuer die Bevoelkerung in Espinar ist der Anblick der Polizisten im Dienst der Mine ein weiterer Beweis dafuer, dass ihre Staatsmacht in der Hauptstadt Lima mit den grossen Bergwerksbesitzern  gemeinsame Sache macht.
Die Bergbauunternehmen haben in den letzten Jahren  wohl riesige Fortschritte in ihrem Umweltmanagement gemacht, aber im Management ihrer sozialen Beziehungen stehen sie erst am Anfang. Das sagt Jaime Amezaga von der britischen Universitaet Newcastle. Er  ist Umweltexperte fuer Bergbau und hat in Bergbaukonflikten in Europa und Lateinamerika als Berater gearbeitet Auch in Espinar ist er taetig.  Das Grundproblem, so sagt der gebuertige Spanier, seien nicht die Gesetze oder die  fehlenden Umwelttechnologie, sondern das Misstrauen zwischen den Parteien.
 Der Grat hin zu mehr Vertrauen  ist schmal. Setzt die Mine zuviel eigenmaechtige Sozialprojekte um, untergraebt sie den an sich schon schwachen Staat und schuert Widerstand.  Setzt sie auf den Staat als Entwicklungstreiber,  kann sie keine eigenen und vor allem keine schnellen Erfolge fuer die lokale Bevoelkerung vorzeigen, der versprochen wurde, von der Mine wuerden alle profitieren. Der einzige Ausweg  aus dem Dilemma heisst Dialog und  Respekt.

Oscar Mollohuanca leitet eine weitere Sitzung des Runden Tisches, der einberufen wurde, nachdem der Konflikt im Mai eskalierte. Alle sind sie da: die Bergwerks-Manager in dicken Daunenanoraks; die Distriktsbuergermeister in Anzug und Krawatte; die Beamten der Stadtregierung; Baeuerinnen in ihrer farbenfrohen Tracht und ihre Maenner mit schwieligen Haenden; Beamte aus der Hauptstadt, die dreinschauen, als ob sie gedanklich noch oder schon wieder in Lima sind. Es geht hoch her. Die Bauern fordern die Schliessung der Tintaya-Stiftung. Die Mine will ihre Projekte zuerst nicht aus der Hand geben. Schliesslich ein kleiner Schritt nach vorn,  die Vertreter der Mine gestehen zu, ihre Stiftung grundlegend zu reformieren.
Der jungen Witwe des Clowns Walter Sencia und den Angehoerigen der beiden anderen Toten der Proteste bietet Xstrata eine Entschaedigung von insgesamt  150 000 Euro an.  Die Moerder sind weiterhin unbekannt.

Hildegard Willer 

Nachtrag: obiger Text stammt vom Oktober 2012. Heute, ein Jahr später, ist der Konflikt immer noch nicht beigelegt. Die breit angelegte, partizipative Umweltprüfung unter Federführung des Umweltministeriums erbrachte zwar Messergebnisse, die an einigen Punkten die Grenzwerte eindeutig überschreiten. Es herrscht jedoch keine Einigung, wer der Verursacher der Verschmutzung ist. Der Bürgermeister von Espinar, Oscar Mollohuanca, ist weiterhin in Ica - mehrere Hundert Kilometer entfernt von seinem Heimatort - vor Gericht angeklagt. Die Fundación Tintaya  wurde aufgelöst.

viernes, 9 de noviembre de 2012

Bergbau-Boom ohne Kumpel

Rohstoffausbeutung als Entwicklungsstrategie in Lateinamerika

Von Hildegard Willer (KNA)
Lima (KNA) Umweltschutz und Wohlstand: Mit diesen Versprechen eröffneten vor 20 Jahren internationale Bergbaufirmen neue Minen in Lateinamerika. Keine ausgemergelten Kumpel mehr, die in engen kalten Stollen zu einem Hungerlohn nach Silber oder Gold schürfen; keine mit Quecksilber verseuchten Abraumhalden, versprachen die großen Firmen. Stattdessen würden die Bergleute nun im Führerhaus des Baggers oder Lastwagens sitzen und Berge im Tagebau abtragen. Und umweltschonend seien die hoch technisierten Anlagen sowieso.
Zumindest in einem Punkt erfüllten sich die Versprechen: Die meisten lateinamerikanischen Staaten verbuchen dank der hohen Rohstoffpreise einen Wirtschaftsboom ohnegleichen. Kein Wunder, dass alle Regierungen Lateinamerikas auf die Rohstoffförderung als Entwicklungsstrategie setzen. Sie bilde das ideologische Rückgrat aller Regierungen, ungeachtet ob rechter oder linker Ausprägung, kritisiert Eduardo Gudynas "Lateinamerikanischen Zentrum für soziale Ökologie" in Uruguay. Der Unterschied liege nur darin, welchen Teil der Gewinne der Staat und welchen die Firmen erhielten.
Umweltzerstörungen und soziale Auswirkungen der Großprojekte führen zu einer steigenden Zahl von Konflikten. 165 aktuelle Bergbaukonflikte zählt Cesar Padilla vom "Observatorio Latinoamericano de Conflictos Mineros", einer von Nichtregierungsorganisationen (NRO) finanzierten Beobachtungsstelle mit Sitz in Santiago de Chile. Die meisten Konflikte, 28 an der Zahl, verzeichnet Peru, gefolgt von Argentinien, Chile, Brasilien und Kolumbien.
Das Muster ist laut Padilla immer gleich. Staatliche Stellen verbünden sich mit den Bergbaufirmen gegen die lokale Bevölkerung. Wenn die sich wehre, schicke die Regierung Polizei oder Armee, so Padilla. Die meisten Bergbaustätten liegen in abgelegenen Gegenden, in denen indigene Bauern, die zu den Ärmsten im Land zählen, mühsam ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft bestreiten. Dass der versprochene "neue Bergbau" so modern ist, hat für sie einen großen Nachteil: Er braucht keine Arbeitskräfte mehr. Einen großen Teil der Arbeit erledigen Maschinen und Computer.
"Früher waren Bergbaukonflikte Arbeitskämpfe zwischen Bergarbeitern und Bergwerkbesitzern", erzählt Jose de Echave von der auf Bergbaukonflikte spezialisierten NRO "Cooperaccion" in Lima. "Heute dagegen sind es Konflikte mit der Bevölkerung, die am Rande der Mine lebt und dort eben keine Arbeit bekommt, dafür aber die Umweltauswirkungen spürt." Denn trotz gegenteiliger Versprechungen bringt der angeblich so umweltfreundliche moderne Bergbau große Risiken für Wasser und Boden mit sich. Hinzukommt, dass die Umweltgesetze in den einzelnen Ländern weit hinter den Entwicklungen im Bergbau zurückbleiben.
Um das Zusammenleben von indigenen Bauern und den Betreibern hochmoderner Bergwerke in den abgelegensten Winkeln Lateinamerikas ist es meist schlecht bestellt. Zu unterschiedlich sind die Welten, zu abwesend der Staat, zu gering das Interesse der Bergleute, mit der Dorfbevölkerung in Kontakt zu kommen. "Die Krux ist, dass die Ingenieure nichts mit den Bauern zu tun haben wollen", sagt ein in Bergwerkskonflikten erfahrener Mediator in Lima. Doch auch die Bauern müssten erst lernen, als ernstzunehmende Verhandlungsgegner und nicht als fordernde Bittsteller aufzutreten.
Alternativen zur Rohstoffförderung sind vorerst nicht in Sicht. Zu üppig sind die Profite für die Staaten und die Firmen. Rund 320 Milliarden US-Dollar (Tageskurs 250 Milliarden Euro) wollen Bergbaufirmen bis 2020 in Lateinamerika investieren - 20 mal mehr als bisher. Gewinner sind nicht nur Privatfirmen, sondern auch Pensionsfonds lateinamerikanischer Staaten oder Staatsbetriebe, die - im Idealfall - der wachsenden lateinamerikanischen Mittelschicht zugutekommen. Im Nachteil sind die Landsleute, deren einziger Pensionsfonds die Kuh auf dem Feld ist, die sie im Notfall verkaufen können. Und die nun womöglich durch Bergbau verseuchtes Wasser trinkt.

Quelle: KNA

domingo, 6 de mayo de 2012

Regierung will illegalen Bergbau bekämpfen



informelle Goldsuche. Foto: Hildegard Willer(Lima, 31. März 2012, noticias aliadas).- Cecilio Baca baute sein Reich auf einem Berg aus Sand und Steinen, von dem aus der Blick auf eine Mondlandschaft fällt: Wo einst ein Flussbett war, sind heute Krater aus gelblichem Schlamm. Der Regenwald des Amazonas, der vor 15 Jahren noch das ganze Gebiet überspannte, ist kaum mehr zu sehen. Heute fallen teure Kipper und Bagger ins Auge, die zum Abbau der Flusserde dienen.
Der Goldrausch Amazoniens
Baca ist einer der sogennanten „Goldbarone“ des peruanischen Amazonas-Departments Madre de Dios, das an der Grenze zu Bolivien und Brasilien liegt und einst bekannt war für seine große Artenvielfalt. Heute ist es dafür berühmt, das Zentrum des Goldrausches zu sein, der die tropischen Wälder zerstört. Baca, der in seiner Jugend Soldat war, ließ sich vor mehr als vier Jahrzehnten als einer der ersten SiedlerInnen im Regenwald nieder, um dort Gold zu gewinnen. Heute ist er einer der Reichsten und Patriarch anderer „Goldbarone“. Diese “Barone” sind Männer und auch einige Frauen, die dank des hohen Goldpreises und der Abwesenheit des peruanischen Staates in jenen entlegenen Gebieten zu Millionären geworden sind.
In Madre de Dios arbeiten zwischen 30.000 und 40.000 illegale BergarbeiterInnen; in ganz Peru sind es etwa 100.000 bis 200.000. Die meisten sind MigrantInnen aus der Andenregion, die davon träumen, das gleiche Glück zu erlangen wie Baca. Nur wenige kümmern sich dabei um den Schutz der Umwelt und den ihrer eigenen Gesundheit. Vor Kurzem hat sich der peruanische Staat in die Angelegenheit eingeschaltet. Er will den informellen Bergbau regulieren und dem illegalen Sektor ein Ende machen.
Unnachhaltiger Bergbau
„Ich finde es sehr gut, dass die nationale Regierung Kontinuität darin zeigt, dem illegalen Bergbau ein Ende setzen zu wollen“, so César Ascorra, Direktor der Caritas Madre de Dios und Verteidiger eines althergebrachten und nachhaltigen Bergbaus. Vor zwei Jahren, während der Amstzeit des Expräsidenten Alan García (2006 – 2011), beschoss die Kriegsmarine einige Schwimmbagger – treibende Plattformen zum Goldabbau auf dem Fluss Madre de Dios -, die dort illegal im Einsatz waren.
Die jüngste Entscheidung der jetzigen Regierung des Präsidenten Ollanta Humala geht noch weiter: Am 18. Februar wurde das Gesetz 1100 erlassen, das jegliche Bergbauarbeit ohne staatliche Genehmigung untersagt. Das heißt, ohne Bergbaukonzession, der Studie zu Umweltauswirkungen, Arbeitssicherheit und Steuerentrichtung, würde die Bergbauaktivität verboten und könnte durch die Ordnungskräfte verhindert werden. Ebenso verbietet die Verordnung jegliche finanzielle Aktivitäten für die illegale Bergbauindustrie oder die Zufuhr von Produktionsgütern, vor allem von Quecksilber, Zyanid und Brennstoffen.
Informeller und illegaler Bergbau
Die Veränderung wäre bedeutend – vorausgesetzt, diese Politik kann tatsächlich angewendet werden. Bisher verwenden die handwerklichen BergarbeiterInnen ein ziemlich raffiniertes Unterscheidungskriterium zwischen informellen und illegalen BergarbeiterInnen. Allein durch die Vorlage eines Genehmigungsantrages bei der Regionalen Bergbaubehörde des Ministeriums für Energie und Bergwerke (Dirección Regional de Minería del Ministerio de Energía y Minas) erhält der oder die BergarbeiterIn eine Bescheinigung, mit der die Person im Bergbau tätig sein kann, solange der Antrag in Bearbeitung ist. Dieser Prozess kann allerdings Jahre dauern. Mit Einreichen des Antrags gelten die BergarbeiterInnen nicht mehr als illegal, sondern als informell, auch wenn bei deren Arbeit weder Umweltvorschriften noch Vorschriften zu Arbeit oder Steuern beachtet werden. Die Gesetzesverordnung 1100 setzt dieser Unterscheidung ein Ende und hat daher zu starken Reaktionen unter den BergarbeiterInnen geführt.
„Es gibt höchstens zehn Bergbauoperationen in Madre de Dios, die über ordnungsgemäße Papiere verfügen und alle ihre Steuern zahlen“, schätzt Ascorra.
Tote bei Protesten
Bis Mitte März blockierten handwerkliche und kleine BergarbeiterInnen Perus – unter ihnen viele, die mit schweren Maschinen arbeiten und schon lange keine Handwerker mehr sind – Straßen an verschiedenen Orten des Landes und verursachten Konfrontationen mit der Polizei.
Am 15. März starben in Madre de Dios drei Bergarbeiter bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die peruanische Regierung ließ sich auf Verhandlungen ein, deren Ergebnis die Gewährung einer einjährigen Kampfpause war. In dieser Zeit soll der Status der BergarbeiterInnen gesetzlich geregelt werden. In der Praxis stellt dieses Abkommen jedoch mehrere Herausforderungen dar: Zur Durchführung des Formalisierungsprozesses muss der Staat – das heisst sowohl die nationale als auch die regionalen Regierungen – ausreichend Mittel und Personal zur Verfügung stellen. Das staatliche Eingreifen in die Kette der Produktionsgüter (Quecksilber, Zyanid und Brennstoffe), aber auch der schweren Maschinen wie Kipper, Bagger oder Bohrer, die von anerkannten ausländischen Firmen legal verkauft werden, ist alles andere als einfach und kollidiert mit der herrschenden Korruption.
Angst vor Anstieg der illegalen Tätigkeiten
Ascorra fürchtet, dass die einjährige Kampfpause als Vorwand dient, mit dem die BergarbeiterInnen ihre illegalen Tätigkeiten verstärken. „Das haben wir schon viele Male gesehen: Die bei den Gesprächsrunden geschlossenen Abkommen werden dazu genutzt, den Abbau der Mineralien innerhalb der vorgegebenen Frist zu intensivieren“, so Ascorra.
Die Situation in Madre de Dios ist kritisch: Es wird geschätzt, dass nach wie vor etwa 15.000 BergarbeiterInnen in der Pufferzone des Nationalparks Tambopata arbeiten, wo Bergbauaktivitäten strengstens verboten sind. Aufgrund der Gefahr, dass sie vertrieben und ihre Maschinen zerstört werden könnten, ziehen viele der illegalen BergarbeiterInnen in andere Gebiete und machen dort den BergarbeiterInnen, die sich im Formalisierungsprozess befinden, ihr Gebiet streitig.
Hartnäckigkeit der BergarbeiterInnen
Baca und die Goldbarone sowie die vielen LandarbeiterInnen, die auf der Suche nach Gold ihr Land verlassen, bestehen auf ihrem formellen Status und berufen sich dabei auf das Gesetz. Jedoch ist deren Vorstellung vom Gesetz weit entfernt von der des peruanischen Staates und wird auch weiterhin Grund für viele Konflikte sein.
(erschienen in poonal Nr. 991)

lunes, 16 de abril de 2012

Neues aus La Oroya

Regierung greift in La Oroya durch

Pedro Barreto, der Erzbischof von Huancayo, vor der Bleihütte von Oroya. Foto: Pohl/Adveniat.
Weiß verätzt vom sauren Regen glänzen die Berge im peruanischen La Oroya auf fast 4.000 Meter Höhe. 15 Jahre lang durfte die Firma Doe Run Peru die Luft dort ungestört verschmutzen. Nun hat der peruanische Staat dem einen Riegel vorgeschoben.
Die Gläubigerversammlung der bankrotten Firma, mit dem peruanischen Staat als Hauptgläubiger, hat in der vergangenen Woche den Restrukturierungsplan der Firmenleitung abgelehnt. Die 90 Jahre alte Hüttenanlage im peruanischen La Oroya gilt als eine der zehn am meisten verschmutzten Industriestädte weltweit. Das sagt nicht nur das US-amerikanische Blacksmith Institute. Der Erzbischof von Huancayo und Vorsitzende der Sozialkommission der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz, Pedro Barreto, ebenso wie die Presbyterianische Kirche der USA machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass in La Oroya das Recht auf Gesundheit der Bewohner der Kleinstadt massiv gefährdet ist.
Besonders gilt der Einsatz der Kirchen den Kindern und Müttern, die unter der bleihaltigen Luft am meisten zu leiden hatten. Der Fall La Oroya ist ein Lehrstück darüber, wie gewiefte Investoren 15 Jahre lang einen schwachen Staat übertölpeln und die Rechte der Arbeiter gegen das Recht auf Gesundheit ausspielen konnten. 1997 kaufte die US-amerikanische Renco-Group/Doe-Run das sanierungsbedürftige Hüttenwerk von der damaligen Staatsfirma Centromin, und zwar mit der Auflage die Anlage umwelttechnisch aufzurüsten.
Obwohl die Geschäfte mit dem aus den umliegenden Bergwerken angelieferten Kupfer, Blei, Zink und Gold besser als je zuvor liefen, meldete die Firma 2008 Konkurs an. Grund: Alle Gewinne wurden an den Besitzer in den USA abgezweigt, und unter dem Vorwand der fehlenden Liquidität erreichte die Firma Doe Run mehrmals einen Aufschub für die eigentlich verpflichtende Umweltsanierung vom Staat.
Die Betreiberfirma hatte wichtige Verbündete, die die Regierung dazu brachten, immer wieder einzuknicken: die 3.000 Arbeiter, die eisern zu ihrer Firma hielten, weil sie nur die Wahl hatten zwischen der Umweltbelastung und dem Erhalt ihrer festen, relativ gut bezahlten Arbeitsplätze. Dazu kommt die strategische Lage an der einzigen Hauptstraße von Lima in die Getreide- und Gemüsekammern der Hauptstadt. Wenn die Arbeiter von Doe Run streikten, blockierten sie einfach die Hauptverkehrsader. Mehr als ein paar Tage hielt das bisher keine Regierung durch.
Die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern einerseits und den Umweltschützern der Kirchen andererseits wurden zum Teil gewalttätig. Noch im letzten Monat erhielten Mitarbeiter von Erzbischof Barreto Morddrohungen auf ihre Handys. Dennoch, oder gerade deswegen, gilt die erste Sorge des Erzbischofs dem Wohl der Arbeiter von La Oroya: "Wir haben uns immer für eine Gesamtlösung eingesetzt, die sowohl die Umwelt als auch die Würde der Arbeiter im Blick hat", verkündete er einen Tag nach Bekanntgabe der Gläubigerentscheidung.
Dass der peruanische Staat den Forderungen der Betreiberfirma Doe Run nicht mehr nachgegeben hat, kam überraschend: Doe Run hatte zum Schluss gefordert, dass der Staat die Verantwortung für eine in den USA eingereichte Schadensersatzklage bleiverseuchter Kinder aus La Oroya gegen Doe Run übernehmen solle. Außerdem verklagte des Unternehmen die Regierung wegen Wettbewerbsbenachteiligung vor dem Schiedsgericht der Weltbank. Damit war sowohl für die Regierung Humala wie auch für die peruanische Öffentlichkeit Doe Run als Betreiber nicht mehr haltbar.
Die Gläubigerversammlung hat nun eine laufende Liquidation eingeläutet. Innerhalb der nächsten 6 Monate soll der Betrieb wie gehabt weitergehen und ein neuer Investor gesucht werden. Aber auch Doe Run kann einen neuen Restrukturierungsplan einreichen.
Quelle: Hildegard Willer, KNA

domingo, 12 de febrero de 2012

Wenn Conga kommt, geht Humala


Gut 10 000 Bergbaugegner sind am Freitag, den 10. Februar durch Lima marschiert, um im Parlament zwei Gesetzesentwürfe abzugeben: einer soll den Bergbau in Wasserquellgebieten untersagen; der andere Bergbau mittels Zyanid und Quecksilber (was bei der momentanen Technologie einer de-facto-Einstellung des Bergbaus entsprechen würde). Das letzte Mal waren soviele Menschen Ende Mai 2011 auf den Strassen Limas, um gegen die Kandidatin Keiko Fujimori zu protestieren und für den Kandidaten Humala. Dieses Mal sind es  Bergbaugegner aus ganz Peru, die  ihre Forderungen auf die Strassen der Hauptstadt tragen.

Am Protestmarsch haben vor allem Bürgerinitiativen aus ganz Peru teilgenommen, die sich gegen Bergbauprojekte auf ihren Gebieten wehren. Konkreter Anlass für den Protestmarsch sind die Auseinandersetzungen um das geplante Goldabbauprojekt "Conga" in Cajamarca, im Norden Perus. In einem 10-tägigen Fussmarsch waren gut 500 Bauern aus Cajamarca nach Lima gekommen , um gegen das von der Regierung Humala unterstützte Projekt zu protestieren. Die Demonstration am Freitag war der Abschluss des "Marsches für das Wasser". Auslöser des Konfliktes um Conga ist nämlich die vorgesehene Zuschüttung von vier Bergseen und das unvollständige Umweltgutachten, das den Einfluss des 4 Mlliarden-Abbauprojektes auf die Wasserflüsse nicht untersucht.
Momentan sind die Arbeiten am Projekt suspendiert, die Regierung wartet auf ein hydrologisches Gutachten ausländischer Experten.
Ob und wie noch ein Dialog zwischen Regierung und Bergwerk einerseits, und den Bergbaugegnern andererseits zustande kommen kann, ist völlig offen. Präsident Ollanta Humala hat sich bisher nicht zum Protestmarsch geäussert. Vor 8 Monaten ist er , mit den Stimmen der Bergbaugegner,  ins Amt gewählt worden. Heute protestieren seine Wähler gegen ihn. "Ollanta Verräter" oder "Mit einem Protestmarsch haben wir dich ins Amt gebracht, mit Protestmarsch holen wir Dich wieder raus" waren während des Marsches zu hören.

Die peruanische Hauptstadt-Presse hat den Erfolg des Protestmarsches in skandalöser Missachtung ihres journalistischen Auftrages fast vollständig ignoriert, sprach zum Teil von einigen wenigen Demonstranten und brachte statt dessen die neuesten Umfrageergebnisse, die Humala einen Beliebtheitszuwachs von 8% attestieren. Humalas Beliebtheit mag wohl gewachsen sein - aber nicht bei denen, die ihn gewählt haben.

Den Erfolg des Marsches kann vor allem Marco Arana und seine Partei "Tierra y Libertad" für sich verbuchen. Der suspendierte Priester konnte sich damit als ernst zu nehmender Oppositionspolitiker gegen Humala in Szene setzen.  Im Auge behalten soll man auch, dass sich hier die Provinzen gegen die Hauptstadt Lima erheben, und die gewählten Regionalpräsidenten mehr Macht gewinnen.

(Die nachfolgenden Fotos sind von Kerstin Kastenholz)



















domingo, 8 de enero de 2012

Goldrausch in Santa Rosa

Marcelino Correa von der Bauerngemeinschaft Santa Rosa de Suyo

Als Arcesio Gonza an jenem Samstagabend  im August vor einem Jahr den Gottesdienst verliess, wusste er nicht, dass er  eben sein letztes Gebet gesprochen hatte. Fünf Häuserzüge waren es von seiner evangelischen Gemeinde zu seinem Haus im Dorf Santa Rosa de Suyo. Beim vierten Block trat ein vermummter Mann aus dem Schatten, stach mit dem Messer mehrmals auf Arcesio ein. Er fiel zu Boden, sah noch, wie der Angreifer sich auf seine Frau Benancia stürzte, die laut um Hilfe schrie. Der Sohn hörte die Hilfeschreie  im nahen Haus, konnte den Meuchelmörder in die Flucht schlagen. Auf der Fahrt ins nächste Krankenhaus an der  Grenze zu  Ecuador starb Arcesio, seine Frau und nunmehr Witwe überlebte. Der Mörder wurde bis heute, fast eineinhalb Jahre später, nicht gefasst.

Arcesio Gonza  aus dem nordperuanischen Dorf Santa Rosa de Suyo starb, weil er sich weigerte, reich zu werden.

Die Erde, auf der er und seine Vorfahren seit Jahrhunderten leben, enthält Gold. Das  ist nichts Neues. Neu ist, dass der Goldpreis so hoch ist, dass es mindestens das 10-fache einbringt, die Erde nach Gold umzugraben, statt weiterhin Ziegen und magere Kühe darauf weiden zu lassen. Der 54-jährige Bauer Arcesio war Gemeinderat und hatte mitentschieden, dass  auf dem Gemeindegebiet jedoch  nicht nach Gold gegraben werden dürfe. Einige Bauern hielten sich nicht an die Abmachung, gruben auf ihrem Land dennoch nach Gold und errichteten Goldwaschanlagen, in denen sie mit hochgiftigem Quecksilber die Goldkörner vom Rest der Steine trennen.  Der Gemeinderat liess die Goldgruben wieder zuschütten, die Goldgräber öffneten sie wieder, die gegenseitigen Beschuldigungen und Drohungen nahmen überhand – bis an jenem Abend des 21. August 2010 Arcesio Gonza umgebracht wurde.

Über ein Jahr später erzählte mir Marcelino Correa in einem Kaffee nahe beim Busbahnhof der nordperuanischen Stadt Piura wie das Unheil mit dem Mord an Arcesio Gonza in seinem Dorf Santa Rosa seinen Ausgang nahm. Marcelino ist 25 Jahre alt, sein Unterarm ist mit Stempeln aller Art übersät. Es ist ein Zeichen, dass er gerade im Gefängnis  zwei seiner Gemeinderatskollegen besucht hat, die dort  wegen Mordes angeklagt sind.Der Mord an Arcesio  Gonza hat eine Welle von Gewalt und Gegengewalt ausgelöst . Im Dorf Santa Rosa de Suyo findet heute ein Kleinkrieg statt zwischen Bauern, die Gold abbauen  und Bauern, die dagegen sind.
Marcelino gehört, ebenso wie seine zwei verhafteten Freunde, zur Fraktion der Bauern. Alle fünf Minuten klingelt sein Handy, Marcelino beschwichtigt die Zuhörer, dass es ihm gut geht und er gleich losfahren wird. „Meine Familie hat Angst, dass mir was passiert“,  erklärt er. „Jemand hat ausgesagt, er habe mich an einem Tatort gesehen, damit werde ich verdächtig als nächstes Opfer“.

Marcelino Correa ist ein junger Bauer , alles andere als reich. Trocken ist es in Santa Rosa, da wachsen keine Maracuja oder Mango, die man exportieren könnte, wie es 100 Kilometer weiter talabwärts der Fall ist. In Santa Rosa de Suyo gibt es Ziegen und ein paar magere Kühe, die sich im Gestrüpp ihre Nahrung suchen. Sonst nichts. Warum in aller Welt , so frage ich, handelt Ihr gegen jegliche ökonomische Vernunft und grabt Ihr nicht auch lieber nach Gold ? Bei dem hohen Goldpreis wäre das ein Bombengeschäft, und zu verlieren habt Ihr ja nichts.
Marcelino wird nachdenklich. „Gold ist schnelles Geld und schafft Ungleichheiten und Zwist in der Gemeinschaft“. Sie hätten Angst, dass dadurch ihre Gemeinschaftswerte verloren gingen und dass die zügellose Gier Einzug hielte.  Auch die Bedenken gegen die Umweltverschmutzung durch den Goldabbau spielten eine Rolle. „Wir haben wenig Holz, und die Bergleute brauchen das wenige Holz als Stützstreben in ihren Stollen“.  Aber haben sie eine Alternative zum Goldabbau  ? Marcelino träumt vom organischen Kaffeeanbau, aber bisher steht noch keine einzige Kaffeestaude auf seinem Land.
Marcelinos Handy klingelt zum dritten Mal in 30 Minuten. Seine Freundin ist am Apparat, der junge Mann beruhigt sie. „Ich fahre jetzt gleich mit dem Bus los nach Santa Rosa, in zwei Stunden bin ich dort“.

Marcelino ist damals gut in seinem Dorf angekommen. Er ist auch heute, an Weihnachten 2011, noch am Leben. Die Zahl der wegen des Goldes ermordeten Menschen in seinem Bezirk – sowohl Begleute wie Bauern - ist in den letzten beiden Monaten jedoch auf 14 angestiegen.

Ich weiss nicht, wer die Morde ausgeführt hat. Aber ich weiss, warum mich die Geschichte der Bauern von Santa Rosa de Suyo so berührt hat: in einem Jahr, in dem die Rede vom Wirtschaftswachstum  alles bestimmt, in dem ich einerseits in einem Land – Peru -  lebe, das sich im kollektiven Goldrausch befindet , mit einer Hauptstadt, in der an jeder Strassenecke  ein neues Einkaufszentrum entsteht, um das Geld aus dem Goldabbau auch gleich wieder ausgeben zu können.   Und andererseits in einem Jahr der Horrornachrichten aus Europa, weil eben dieses Wirtschaftswachstum ausbleibt, und alle wie verrückt Gold kaufen, weil sie glauben, damit ihre Ersparnisse vor einem  drohenden Wirtschaftskollaps  zu retten.   In einer Zeit, in der Gier hoffähig geworden ist, und in der jeder für blöd erklärt wird, weil er nicht seinen kurzfristigen materiellen Vorteil sucht: in einer solchen Zeit auf Menschen wie Marcelino zu treffen, die – entgegen aller ökonomischen Vernunft  -  sagen: „Wir verzichten auf Gold, denn das bringt nur Zwist und Umweltzerstörung“ – das ist fast wie Weihnachten.

lunes, 28 de noviembre de 2011

Gold

Gold

  Ein Diskussionsbeitrag


Drei Meldungen, die erst mal nichts miteinander zu tun haben:

1) Die Raiffeisenbank in meinem Allgäuer Heimatdorf verkauft ihren Kunden normalerweise  solide Sparbriefe und finanziert die lokalen Betriebe oder den beliebten Häuslesbau. Gross war mein Erstaunen, als  der Bankangestellte bei meinem letzten Besuch einen  Prospekt hervorzog und meinte, da gäbe es auch noch sichere Anlagen in Minenprojekten in fernen Ländern….

2) Meldung in der peruanischen Wirtschaftszeitung “Gestion” vom 28. November 2011: Die USA  hat ihre Platz als zweites Hauptexportland für peruanische Produkte eingebüsst.  Die meisten peruanischen Ausfuhren gehen weiterhin nach China. Den zweiten Platz hat die kleine Schweiz den USA abgerungen.

3) Seit einer Woche tobt in Peru eine heftige Auseinandersetzung ob der Umweltgenehmigung für das geplante Grossabbauprojekt “Conga” in der nordperuanischen Provinz Cajamarca. Teile der lokalen Bevölkerung wehren sich mit Strassenprotesten und Blockaden gegen das Projekt. Für die seit Juli amtierende Regierung Humala steht die Entscheidung an, ob sie sich auf Seiten der Protestierenden stellen – die ursprünglichen Wähler Humalas – oder das Grossprojekt, das von der Vorgängerregierung genehmigt wurde, durchziehen werden.



Goldamalgam aus illegaler Goldproduktion in Nordperu

Was haben alle drei Meldungen gemein ? Es geht um´s Gold.  Ob der aktuelle Goldboom für Länder wie Peru eine Riesenchance oder ein Riesendesaster ist, hängt davon ab, wie sehr der peruanische Staat die Macht hat, regulierend einzugreifen, und die Umweltschäden auf ein Minimum zu reduzieren und andererseits die Gewinne fürs Allgemeinwohl zu maximieren.  Angesichts der dramatischen Meldungen über die Umweltschädes des Goldabbaus weltweit möchte ich hier das Augenmerk mal auf die Nachfrageseite richten:

- InPeru und anderswo ist das Goldfieber ausgebrochen, weil die Leute in Europa wie verrückt Gold kaufen wollen.  Die Antwort darauf, warum die kleine Schweiz die USA als zweites Exportland in Peru abgelöst hat, sind die Goldexporte in die Schweiz. Die bleiben nicht unbedingt in Schweizer Tresoren sondern werden von dort über ganz Europa verteilt. Wer kauft Gold  ? Schliesslich sind solide Mitteleuropäer wie die Deutschen keine Inder, die ihren Reichtum gerne mit goldbehängten Ehefrauen zur Schau stellen.  Nein, das Gold  ist die Sicherheits-Reserve für den deutschen Sparer, den kleinen wie den grossen, der angesichts der Euro-Krise meint, mit Gold seine Ersparnisse sichern zu können. Jeder, der heute Gold kauft oder Anteile an Goldminen oder Aktien in einem Anlagenfonds hat, der auch in Gold investiert, trägt dazu bei, dass in Ländern wie Peru das Goldfieber ausbricht – mit allen Vor- und Nachteilen.

- Nachdem ich zig Goldminen in Peru besucht habe, illegale wie legale, ein-quadratmeter-grosse Schächte wie kilometerlange Tagebauten, fairtraide-zertifizierte wie übel beleumdete, kann ich vor allem eines sagen: ökologisch unbedenkliches Gold ist ein Widerspruch in sich. Ich zumindest habe keines gefunden. Ohne Quecksilber oder Zyanid ist keine Goldproduktion möglich, alternative Technologien stecken in den Babyschuhen. Man kann die Beeinträchtigungen für die Umwelt mittels gewisser Technologien reduzieren und kontrollieren, aber nicht umweltneutral produzieren.  “Öko-Gold” ist so unsinnig wie ein “Öko-Auto”.
( Die einzige Ausnahme dürfte Recycling-Gold sein ).  Das muss jeder wissen, der – in welcher Form auch immer – Gold kauft.

Nicht immer sind die grossen multinationalen Unternehmen die grössten Umweltschänder. Sie haben die Mittel, neueste Technologien einzusetzen und haben das Risiko des Imageverlustes, wenn sie hier Pfusch betreiben. Andererseits stellen die Bergbauvorhaben der Multis schon aufgrund ihrer Grösse einen enormen Eingriff in ein komplexes Öko-System und die Langzeitfolgen sind, mangels Erfahrungswerten, nicht abzuschätzen. Wichtig wäre hier, dass der zuständige Staat im Vorfeld  mögliche Langzeitschäden in Rechnung stellt und unabhängige und umfassende Umweltgutachten für die Bewertung als Grundlage nimmt.

- Illegal oder informell hergestelltes Gold zerstört nicht nur die Umwelt in grossem Masse und bringt dem peruanischen Staat keine Steuer-Einnahmen. Es bringt auch – ähnlich wie das Koka-Geschäft – Zwist, kriminelle Strukturen und grosse Ungleichheiten in traditionelle Dorfgemeinschaften. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen, ob  die Bewohner eines Dorfes angesichts der hohen Gewinne im Goldabbau nun nach Gold schürfen statt Ziegen hüten sollen, ziehen sich mitten durch die Dörfer hindurch.

- Ist ein Kompromiss zwischen den Einnahmen aus der Goldproduktion und dem Verlust an Umweltqualität möglich ? Der peruanische Präsident Ollanta Humala sagt ja, er wolle “Wasser und Gold”. Leider haben diesen Spruch vor ihm schon die grossen Bergbaufirmen im Munde geführt, die sich mit ihrem einseitigen Gewinnstreben das Vertrauen der lokalen Bevölkerung verscherzt haben. Die Gegner des Bergbaus interpretieren Humalas Worte deswegen als Zugeständnis an die Unternehmerseite. Dennoch möchte ich glauben, dass ein solcher Kompromiss möglich ist. Die Polarisierung zwischen einerseits Modernisierung durch Einnahmen aus der Goldproduktion und intakter Natur anderseits führt ins Abseits. Aus einem ganz einfachen Grund: gerade Länder wie die Schweiz oder Deutschland sind das beste Beispiel dafür, dass man Industrie und Modernisierung mit Schutz der Umwelt in Ausgleich bringen kann. Billig ist das nicht, okay. Aber:  warum sollen nur die Schweizer oder Deutschen einerseits Strom, fliessendes Wasser, eine Strasse und eine Schule im Dorf haben und gleichzeitig den Wald vor ihrer Haustüre?


Ich habe das Angebot des Bankangestellten meiner Raiffeisenbank, in Gold zu “machen”,  übrigens ausgeschlagen.  Wenn jemand jedoch partout nicht vom Gold lassen möchte, weil er oder sie es als beste Sicherheit für die eigenen Ersparnisse ansieht, würde ich um folgende Informationen bitten:

- Gold- oder Goldaktien mit Herkunftssiegel, am besten ein Fairtrade-Siegel: dies bedeutet, dass das Gold von  legalisierten Kleinbergleuten gefördert wird, die die staatlichen Umweltauflagen  und Arbeitssicherheitsauflagen einhalten und die Steuern zahlen. Das alles tun grosse Unternehmen auch, aber warum sollen nicht gerade die Kleinschürfer vom Goldboom profitieren ? Eine Umweltabsolution ist mit dem Fairtrade-Siegel aber nicht verbunden!

- Die rechtlich bindende  Zusicherung, dass kein informell gefördertes Gold in meinen Gold-Aktien, -münzen oder -barren enthalten ist.

Ich nehme an, dass ich mit diesen beiden Fragen nicht nur meinen Bankberater ins Schwitzen bringen würde!

sábado, 5 de noviembre de 2011

Kein Gold ohne Einwilligung der Indianer

Neues Mitspracherecht für Indigene in Peru wird zum Zankapfel

Von Hildegard Willer (KNA)
Lima (KNA) "Bist Du ein Indigena", oder gar: "bist Du ein Indio?" Wer diese Frage einem Peruaner stellt, wird sehr wahrscheinlich ein empörtes "Nein" zur Antwort bekommen. Nur in der Touristikwerbung werden Peruaner als bezopfte, barfüßige Lamatreiber dargestellt, als stolze Nachfahren der Inka. Die Realität ist eine andere: Zwar gibt es kaum einen Peruaner, der nicht auch indigene Vorfahren hat; aber stolz darauf durfte er bislang nicht sein. Das könnte sich jedoch bald ändern.
Künftig muss der peruanische Staat die indigenen Völker befragen, bevor er auf ihrem Gebiet ein Projekt umsetzen will. Das Gesetz zur Konsultation hat der frisch amtierende Präsident Ollanta Humala Anfang September verkündet. Das Ziel: den sozialen Frieden im Land wiederherzustellen. Denn bislang werden indigene Dorfgemeinschaften in den Anden und im Amazonasgebiet vor vollendete Tatsachen gestellt, wenn ihr Terrain für ein Bergwerk, eine Erdölbohrung oder ein Wasserkraftwerk genutzt wurde. Das eigenmächtige Vorgehen der Regierungsbeamten aus der Hauptstadt Lima im Verbund mit privaten Investoren führte zu mehr als 200 teils gewaltsamen Protesten im ganzen Land.
Kein Wunder, dass bei den Umsetzungsbestimmungen des neuen Gesetzes jeder ein Wörtchen mitreden möchte: die Indigenas ebenso wie die Unternehmen oder die verschiedenen Ministerien. Betraut mit der Ausarbeitung wurde eine auch in Deutschland bekannte Peruanerin: die afroperuanische Sängerin und neue Kulturministerin Susana Baca. In ihrem Ministerium sind die Indigena-Behörde INDEPA wie auch das Staatssekretariat für interkulturelle Angelegenheiten angesiedelt. Deren Leitern, die mit der Erarbeitung der Ausführungsbestimmungen beauftragt waren, hat Baca vor einer Woche kurzerhand den Laufpass gegeben.
Die Gründe dafür sind vielfältig; die Maßnahme zeigt aber, wie sensibel das Thema in der peruanischen Öffentlichkeit ist, noch bevor das Gesetz überhaupt in Anwendung kommt. "Das Wichtigste ist, dass wir in Peru eine starke Indigena-Behörde schaffen", kommentiert Rocio Silva-Santisteben vom Dachverband der peruanischen Menschenrechtsgruppen. Diese setzen sich seit Jahren für die Rechte der Indigenas gegenüber den Bergbau- und Erdölfirmen ein - und feiern das neue Gesetz als eine wichtige Errungenschaft.
Eine der ersten Aufgaben wird sein, überhaupt ein Verzeichnis der Indigenas in Peru zu erstellen. Bislang gibt es etwas Ähnliches nicht. Denn vor 40 Jahren schaffte eine linke Militärregierung die Kategorie "Indigena" kurzerhand ab und erklärte alle Landbewohner zu sozialistischen Bauern.
Dabei sind die "Bauern" oder "Indigenas" in Peru äußerst vielfältig. Von rund 15 nicht kontaktierten Indigena-Völkern im Amazonas bis zu den Nachfahren der Ureinwohner im Norden Perus, die ihre ursprüngliche Sprache und viele Sitten längst verloren haben, reicht die ganze Bandbreite peruanischer "Indigenas", die mit dem neuen Gesetz ein wichtiges Machtinstrument in die Hand bekommen. Nicht nur die Indigenas, sondern auch Privatinvestoren warten ungeduldig darauf, wie es nun umgesetzt wird. Am 10. Januar will der neue Staatssekretär für interkulturelle Angelegenheiten die Umsetzungsbestimmungen vorlegen.
In Peru boomt die Wirtschaft - dank der Rohstoffexporte. Peru gehört zu den großen Goldförderländern und ist attraktiv für Investoren, denen Europa oder die USA inzwischen zuwenig Rendite bieten. 42 Milliarden US-Dollar internationales Kapital warteten darauf, so die peruanische Tageszeitung "La Republica", sich in einer peruanischen Gold- oder Kupfermine wundersam zu vermehren.
Die Indigenas, bislang Bürger zweiter oder dritter Klasse, haben es nun in der Hand, diese Investitionen wenn nicht zu kippen, so doch zumindest zu verzögern. Schon möglich, dass in einigen Monaten mehr Peruaner als bisher auf die Frage, ob sie Indigenas seien, mit einem stolzen "Ja" antworten.