miércoles, 14 de julio de 2010

Peruanisch-brasilianische Stromrechnung



Die Geschichte zweier Präsidenten, die ihre Stromrechnungen ohne ihr Volk aufgemacht haben


Gross und massig schaut der eine väterlich auf den kleinen Kollegen mit dem grauen Vollbart hinab. Das tatsächliche Machtverhältnis zwischen Peru und Brasilien ist gegenläufig zur Statur ihrer Regierungschefs. Brasilien, vom klein gewachsenen Ignacio Lula de Silva geführt, ist die aufstrebende Grossmacht Amerikas, die den Takt vorgibt. Das Nachbarland Peru, vom fast 2 Meter grossen und mit dem Alter auch in die Breite gegangenen Alan García regiert, ist gegen Brasilien noch ein Entwicklungsland, das dank des weltweiten Rohstoff-Booms auf der Wachstumswelle mitschwimmt. Seinen Rohstoffen ist es auch zu verdanken, dass Brasilien und Perus Präsidenten so viel Wohlgefallen aneinander finden.

Angeblich soll Alan García den Vorschlag gemach haben. Das flache Brasilien müsse sein Wasser künstlich stauen, um Strom für seinen steigenden Bedarf zu erzeugen. Peru dagegen habe die Anden, das Wasser falle sowieso. Brasilien könne doch in den östlichen Andenabhängen Perus Wasserkraftwerke bauen, und den Strom dann aus Peru importieren. Zudem noch ein sauberes, umweltfreundliches Geschäft, zählt doch die Wasserkraft zu den erneuerbare Energieträgern. Die Studien lägen auch schon vor. In den 70-er Jahren, im Banne des ersten Erdölsboykotts der arabischen Staaten hatte die GTZ im Auftrag der Salzgitter AG sechs peruanische mögliche Standorte für Wasserkraftwerke abgeklärt. Die Gutachten lagen seitdem in der Schublade des Ministeriums und wurden flugs wieder herausgeholt.

Noch im Dezember 2009 reiste Lula nach Lima und unterzeichnete eine Absichtserklärung für ein brasilianisch-peruanisches Energieabkommen. Während die beiden Amtsträger sich in der peruanischen Hauptstadt als neue Integrationsträger Lateinamerikas feierten, gingen die Menschen in Puno auf die Strasse.

Brasilenhos fuera!

Die kleine Stadt Mazuko liegt am Kreuzungspunkt der Departamente Madre de Dios, Cusco und Puno. Auf der neu erbauten Schnellstrasse „Interoceánica“, die Brasilien und Peru und damit auch den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean verbindet, ist man hier in vier Stunden an der brasilianischen Grenze, und in weiteren zwei Stunden in Cusco. Nach Puno, der Stadt am Titicacasee, braucht der Bus dagegen noch 12 Stunden, wenn es regnet auch länger. Die Strasse, der vom Tiefland auf 4000 Meter hoch ruckelt, ist noch nicht asphaltiert. Soll es aber bald sein – wenn das nicht das neue Wasserkraftwerk dazwischen gekommen wäre. Beim Dorf San Gabán auf halber Strecke zwischen Mazuko und Puno soll der Fluss Inambari gestaut werden, 40 000 Hektar Land sollen dafür überschwemmt werden, damit der fünftgrösste Staudamm Lateinamerikas hier mit brasilianischen Geldern gebaut werden kann. Bis zu 6000 Personen wohnen hier – Kleinbauern und Goldgräber -, die umgesiedelt werden sollen. Und die geplante Strasse, die „Interoceánica“ – die soll auf 35 Kilometern überschwemmt und verlegt werden.
Rosario Linares ist Mitglied der „Sociedad Civil por la construcción de la Carretera interoceánica” SOCIT in der Departamentshauptstadt Puno und erbost darüber, dass Puno damit von den Segnungen des neuen Handelsweges abgeschnitten sein wird. Noch erboster ist sie und die gesamte Bevölkerung Punos allerdings darüber, dass Lima wieder einmal über ihre Köpfe hinweg bestimmt hat. Eines Tages erschienen die Ingenieure der neugegründeten Betreiberfirma EGASUR – hinter der sich die brasilianischen Grossfirmen Eletrobrás, Furnas und OAS verbergen – in den Dörfern um San Gabán und teilten der Bevölkerung mit, dass auf ihrem Land der grösste Staudamm Perus gebaut werden soll. Das Ministerium in Lima hatte die Konzession ohne Rückfrage mit den Betroffenen vergeben. Sie hatte sie, die Punenhos wieder mal verkauft, noch dazu an das Ausland. An Brasilien.
Schnell war im ohnehin nicht konfliktscheuen Puno das Thema „Inambari“ in aller Munde. „Brasilianer raus“ war auf den Hauswänden der von der Umsiedlung bedrohten Dörfer Lechemayo, Loromayo und Puerto Manoa zu lesen.. Während Lula und García in Lima ihre Absichtserklärung unterzeichneten, riefen die Punenhos zum Protestmarsch gegen Inambari, gegen den Entschluss der Zentralregierung und gegen den Ausverkauf an Brasilien auf.

Besuch des Hofstaates

Dabei hatte der Deal zwischen Lula und García gar nicht so schlecht augesehen. Brasilien baut mit eigenem Geld die für Peru unerschwinglichen Wasserkraftwerke auf peruanischem Boden– zuerst war von 6 Stück dei Rede – und betreibt sie. Peru hat Exporterlöse, kann seine eigene Energienachfrage bedienen und bekommt am Ende die Infrastruktur übereignet.
Dies sollte man doch auch den Bewohnern Punos erklären können, dachte der für die Stromerzeugung zuständige Vizeminister Daniel Cámac und machte sich auf den Weg nach San Gabán. Sein Besuch in San Gabán geriet zum Gesellenstück dafür, dass die Beziehungen zwischen der Hauptstadt und den Provinzen in Peru immer noch koloniale Gesichtszüge aufweisen.
Als der Vizeminister samt Beamtenapparat aus Lima in ihren Geländewagen in San Gabán ankam, wartet die Bevölkerung bereits auf dem Fussballplatz des Dorfes. Von der Tribüne herab sprach der Vizeminister vor allem darüber, dass er eigentlich noch gar nichts sagen könne, weil die entsprechenden Gutachten noch nicht vorlägen. Verantwortlich für die Gutachten sei das brasilianische Unternehmen. Das Publikum reagierte mit harscher Kritik und verbaler Aggression, wie sie in Puno gang und gäbe ist. Der Vizeminister bekam Angst vor seinem eigenen Volk und trat den Rückzug an. Noch bevor er alle Fragen beantwortet hatte, war er, umgeben von seinen Sicherheitsleuten, in seinem Geländewagen wieder abgebraust. Anstatt Fragen zu klären und in einen Dialog zu treten, hatte er die lokale Bevölkerung erst recht gegen sich aufgebracht.

Der fehlende Dialog zwischen Zentralregierung und lokaler Bevölkerung ist typisch für viele sozialen Konflikte, die die peruanische Gesellschaft ausserhalb der Hauptstadt heute prägen. Trotz vor 10 Jahren eingeleitetem Dezentralisierungsprozess, werden Konzessionen zur Ressourcenausbeutung weiterhin unilateral in Lima vergeben. Der auch von Peru unterzeichnete Artikel 169 der ILO-Konvention, der die vorherige Konsultation der indigenen Bevölkerung vorschreibt, wurde in Peru bisher nicht umgesetzt. Erst nach dem Massaker in Bagua am 5. Juni 2009, bei dem 22 Polizisten und 10 Zivilisten ums Leben kamen, kam eine Gesetzesvorlage über eine „consulta previa“, also der gesetzlich vorgeschriebenen Einbeziehung der lokalen, vor allem indigenen Bevölkerungm bei der Entscheidung über Rohstoffkonzessionen vors peruanische Parlament.


Schützenhilfe aus Lima

Im Februar 2010 schalteten sich die landesweit tätigen Umwelt-NGOs aus Lima in die Energiedebatte ein. In einem ersten öffentlichen Kommunique bemängelten sie vor allem die fehlende öffentliche Debatte und die Eile, mit der die peruanische Regierung das Energieabkommen mit Brasilien durchpeitschen möchte. Sie weisen darauf hin, dass Peru keinen nachhaltigen Entwicklungsplan für sein Amazonas-Becken hat, dass der Vertrag mit Brasilien zum Nachteil Perus geschlossen wird - indem die Energie ins Ausland verkauft wird, die das Wachstumsland Peru selbst benötigen wird. Die Umweltgefahren, die von Grossstaudämmen ausgehen, seien zudem gross: die Zerstörung der Biodiversität, aber auch die Erhöhung der Treibhausgase durch die Überflutung spricht der Mär von der „sauberen Energie“ Hohn.

Alle Einwände nutzte nichts. Der Energiehunger Brasiliens und der Wunsch Präsident Garcías, vor Ablauf seiner Amtszeit als Präsident der südamerikanischen Integration in die Geschichtsbücher einzugehen, waren stärker. Am 16. Juni unterzeichneten Lula und García in Manaos das Energieabkommen. Darin wird der Bau von Staudämmen zur Erzeugung von 6000 Megawatt Strom festgelegt. Peru verpflichtet sich damit, über 30 Jahre hinweg , mit Brasilien seinen Stromüberschüssen zu beliefern. Für Brasilien, das eben den Bau eines Megastaudamms zur Erzeugung von 10 000 Megawatt in Belo Horizonte, genehmigt hat, sind die peruanischen Staudämme mit je höchstens 2000 Megawatt nicht der Rede wert. In Peru jedoch fängt die Debatte darüber, welche Entwicklung für das Amazonasbecken wünschenswert ist und welches die Rolle der indigenen Völker dabei ist, jetzt erst an. Wenige Tage nach Unterzeichnung des Energieabkommens hat die peruanische Regierung Einspruch gegen das Gesetz der „vorherigen Konsultation“ erhoben. Die Regierung sperrt sich vor allem gegen ein mögliches Vetorecht der lokalen Bevölkerung bei der Ressourcenausbeutung.

Vizeminister Daniel Cámac beteuert zwar immer wieder, dass der Staudamm nur mit Zustimmung der Bevölkerung gebaut werden wird. Indes hat die Regierung ob ihres intransparenten Vorgehens bei der lokalen Bevölkerung kaum noch Glaubwürdigkeit. Dazu passt auch, dass sie eben die Genehmigung für die Gesellschaft EGASUR verlängert hat, ihre Studien fertig zustellen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass das brasilianische Konsortium nun alle Anstrengungen daran setzen wird, die betroffene Bevölkerung in San Gabán– ca. 6000 Menschen – davon zu überzeugen, dass sie ihrer Umsiedlung zustimmen.

Ein Ende der Auseinandersetzung ist nicht abzusehen, schon gar nicht angesichts der bevorstehenden Kommunal- und Präsidentschaftswahlen. In Puno hört man des öfteren die Befürchtung, dass Inambari zu einem zweiten „Bagua“ werden könnte, dass es zu massiven Gewaltausschreitungen kommen könnte, wenn die Regierung nicht von ihrem Vorhaben ablässt.

Lula und García lassen sich davon – noch nicht – ihre gute Laune verderben. Vielleicht aber hat der brasilianische Präsiden gespürt – es wäre zu hoffen - , dass die Expansionsbestrebungen Brasiliens vielleicht auf das Wohlgefallen der Amtskollegen stossen. In den Augen vieler Peruaner jedoch nimmt das ehemals mit Samba und Fussball assoziierte Nachbarland immer mehr die Züge einer imperialistischen Grossmacht an, welche den Nachbarländern die Bedingungen diktiert.

(erschien gedruckt in ila Juli/August 2010)

lunes, 5 de julio de 2010

Landesverweis für langjährigen britischen Missionar

05.07.2010

Peru: Landesverweis für langjährigen britischen Missionar

Die Infostelle Peru unterstützt das umweltpolitisches Engagement
katholischer Ordensleute in Peru

Der 62-jährige Ordensbruder Paul McAuley soll nach 30 Jahren pastoraler Tätigkeit in Peru des Landes verwiesen werden. Das Mitglied des Ordens der De Lasalle-Schulbrüder erhielt die Anweisung des peruanischen Innenministeriums, binnen 7 Tagen das Land zu verlassen.
Die Informationsstelle Peru e.V. protestiert gegen diese Maßnahme der peruanischen Regierung und weist darauf hin, dass vermehrt kritische Ordensleute in Peru zur Zielscheibe der peruanischen Regierung werden.
Unterstützung für einen langjährigen Missionar
McAuley, ein britischer Staatsbürger, lebt seit 30 Jahren in Peru. Lange Jahre baute er eine Fe y Alegría-Schule in einem Armenviertel der Hauptstadt Lima auf, bevor Paul McAuley vor 10 Jahren im Amazonas-Tiefland eine neue Mission übernahm. In der Provinzhauptstadt Iquitos gründete er einen Verein zum Schutz der Umwelt , „ Red Ambiental Loretana“, und wurde schnell zu einer weit gehörten Stimme gegen die ungezügelte Ausbeutung des Amazonas-Beckens durch Holz-, Erdöl- und Erdgasfirmen. McAuleys Engagement hat wesentlich dazu beigetragen, dass eine Abholzungskonzession 2004 vom peruanischen Verfassungsgericht widerrufen wurde und dass ein kürzlich gefundenes Leck der argentinischen Erdölfirma Pluspetrol publik wurde.
Dieses umweltpolitische Engagement kostet ihm nun die Aufenthaltsgenehmigung: Nach Angaben des Innenministeriums agiert McAuley entgegen seiner Aufenthaltsgenehmigung als katholischer Ordensmann. Durch seine Tätigkeit würde er die Sicherheit des Staates, die öffentliche Ordnung und die Landesverteidigung gefährden. Laut peruanischem Gesetz hat John McAuley nun 7 Tage Zeit, um Peru zu verlassen.
Auch andere Priester und Ordensleute gefährdet
Hintergrund der Ausweisung eines langjährigen verdienten katholischen Missionars ist die Priorität der peruanischen Regierung, die Rohstoffe des Landes ungezügelt und unter Missachtung der Rechte der indigenen Bevölkerung auszubeuten. Immer wieder kommt es deswegen zu gewaltsamen Konflikten – am 5. Juni 2009 kamen bei der Kleinstadt Bagua 33 Menschen bei einem Zusammenstoss zwischen Indigenen und Polizei ums Leben.
Das umweltpolitische Engagement peruanischer Ordensleute und Bischöfe auf der Seite der indigenen und lokalen Bevölkerung ist der peruanischen Regierung dabei ein Dorn im Auge. Mehrmals wurden die Bischöfe Daniel Turley (Chulucanas), José Luis Astigarraga (Yurimaguas) und der Jesuit Francisco Muguiro aus Jaén öffentlich als „falsche Christen“ beschimpft und sogar legal wegen Volksverhetzung angeklagt. Da Astigarraga und Muguiro gebürtige Spanier sind bzw. der US-Amerikaner Turley inzwischen peruanischer Staatsbürger ist, konnte die Regierung sie nicht ausweisen lassen. Gegen den Pfarrer der Gemeinde Barranquita in der Prälatur Yurimaguas, den ialienischen Passionistenpater Mario Bertolini, dagegen läuft ebenfalls ein Ausweisungsverfahren. Mario Bertolini hat sich auf der Seite der Kleinbauern gegen die Vergabe einer Konzession zum Anbau von Agrartreibstoff an die größte Unternehmerfamilie Perus gestellt.

miércoles, 30 de junio de 2010

Warnung: Goldfieber



Peruanisches Hauptland der Biodiversität nennt sich stolz die Provinz Madre de Dios im peruanischen Amazonasbecken, an der Grenze zu Brasilien. Hierher kommen Touristen aus aller Welt um in Öko-Lodges einen Hauch unberührten Urwalds zu erleben, um Papageien, Schildkröten oder ein Ozelot in freier Wildbahn zu sehen. Dass für die Reise nach Madre de Dios eine Gelbfieberimpfung vorgeschrieben ist, erhöht den Reiz des kalkulierten und abgesicherten Abenteuers.
Den meisten Touristen, die in der Hauptstadt Puerto Maldonado ausgerüstet mit den neuesten Überlebens-Gerätschaften aus dem Globetrotter-Katalog eintreffen, bleibt verborgen, dass das eigentliche Fieber, das in Madre de Dios grassiert, nur die Farbe mit dem Gelbfieber gemeinsam hat. Das Goldfieber ist in ganz Peru ausgebrochen, und die abgelegene Selva-Region Madre de Dios ist das wörtliche „El Dorado“ der peruanischen Abenteurer ohne Reiserücktrittsversicherung.
In Madre de Dios arbeiten mindestens 20 000 illegale und kleine Minenarbeiter und erwirtschaften 6% des PIB Perus – all dies im Rahmen der Illegalitaet und auf Kosten der Umwelt.

Lange Zeit hatte die Politik in Lima die Augen verschlossen vor den Umweltverwüstungen des illegalen Bergbaus. Madre de Dios und andere abgelegene Goldabbaugebiete waren Niemandsland, Wilder Westen, wo nur das Recht des Stärkeren gilt, und wo der eine oder andere Hauptstädtler sich insgeheim am Goldboom beteiligte. Bis der erste Umweltminister Perus, Antonio Brack, im Februar 2010 die Sache in Angriff nahm. Ein Regierungserlass, Decreto de Urgencia -012 , verbot die sogenannten „Dragas“, schwimmende Goldgräberfabriken auf den Flüssen, und kündigte die Legalisierung der Schürfrechte und die Zonifizierung des Gebietes an. Während der Erlass in der Hauptstadt und bei Umweltschützern auf Wohlgefallen stiess, löste er in Madre de Dios und in den restlichen informellen Bergbaugebieten Perus tagelange Proteste aus, die 6 Todesopfer forderten.

Ein Augenschein in Huepetue, dem Hauptgoldgräbergebiet in Madre de Dios, mag veranschaulichen, worum es in diesem Streit geht.

Unterwegs nach Huepetue


In Mazuko scheidet sich der Weg zwischen der neuen Interoceánica, die ins peruanische Hochland führt, und dem Weg ins Niemandsland. Nach Huepetue, das grösste Goldgräbergebiet in Madre de Dios, gefürchtet und berüchtigt. Am Flussufer des Inambari herrscht reger Verkehr. Kleine Motorboote bringen die Leute über den Amazonas-Zufluss, um von dort eineinhalb Autostunden nach Huepetue weiterzufahren. Name und Ausweisnummer werden gewissenhaft in ein altes Schulheft eingetragen, bevor die Fahrt im windschiefen Boot losgeht, „für den Fall, dass jemand ertrinkt“, lautet die Auskunft. Im Boot junge und ältere Männer mit indianischen Gesichtszügen, das heisst, sie kommen aus dem Hochland Perus. Hier fahren keine ausländischen Touristen und Journalisten sind auch nicht willkommen. Mein Gegenüber im Boot, ein sehniger, kleiner Mann um die 50 taut erst auf, als ich ihm versichere, dass ich weder eine „ambientalista“ also Umweltschützerin sei, noch einer ONG angehöre. Erst als ich ihm erzähle, dass ich, wie er, auf der Suche nach einem Goldkorn bin, nämlich nach einer Story, die ich verkaufen kann, tauen seine Mundwinkel auf. Nicht eigennützige Motive sind hier per se verdächtig.

Am anderen Ufer, wartet eine Reihe von Toyota-Pick-Ups, um die Goldgräber nach Hupetue zu bringen. Eineinhalb Stunden rumpeln die Geländewagen durch grüne Landschaften, bis sich auf einmal eine Wüstenlandschaft auftut. „ Hier beginnt Huepetue, das Goldgräbergebiet“, sagt mein Mitfahrer Alonso, ein 20-jähriger Mann aus einem Dorf bei Cusco, der nun schon zum zweiten Mal ins Tiefland kommt, um „irgendwo ganz hinten“ nach Gold zu graben. Da wo ihm die Goldbarone ein Stückchen Erde zum Goldwaschen abgeben.
Der Fluss Huepetue existiert nicht mehr. Statt seiner fahren wir durch eine kilometerlange Kies- und Lehmgrube, durch die sich kleine Rinnsale drängen, die einstmals den Fluss ausmachten.

Das Gold wird von den Flüssen die Anden herabgeschwemmt. Der Flussand und die angrenzenden Ufer bergen den begerten Rohstoff. Goldbergbau in Madre de Dios findet deshalb nicht im Tagebau, sondern am Fluss oder in der Nähe des Flusses statt. Der Fluss- und Ufersand wird umgegraben, angrenzende Wälder werden dazu einfach abgeholzt. 150 000 Hektar Amazonas-Wald sollen für das Gold schon ihr Leben gelassen haben, nach Zahlen des peruanischen Umweltministers.
Auf einer Schütte wird der ausgebaggerte Sand getrennt. Der grobe Kies wird wie Abfall auf einen Haufen getürmt, im Feinsand dagegen finden sich die begehrten Goldsplitter. Dieser wird anschliessend mit Quecksilber (im Verhältnis von mindestens 2:1 Quecksilber zu Sand) vermischt und damit das Gold geschieden.
Wieviel Quecksilber in Madre de Dios unterwegs ist, bereits die Flüsse verseucht und die Gesundheit der Minenarbeiter gefährdet, weiss wohl niemand.


Unter informellen Bergleuten stellt man sich gemeinhin, einen armen Bauern vor, der mit seinem Pickel in einen aufgelassenen Stollen geht, oder mit seiner Schaufel den Flusssand umgräbt. Weit gefehlt. Die sogenannte „mineria artesanal“ in Madre de Dios ist längst schon nicht mehr Handarbeit, sondern in verschiedenen Graden industrialisiert. Die kleinen Bergleute kaufen sich eine sogenannte „Chupadera“, ein dieselgetriebenes handliches Gerät, das den Flusskies ansaugt, auf einen Haufen wirft, wo danach der Feinsand und das Gold geschieden werden. Grosse Investoren – und davon soll es einige geben – betreiben die sogenannten „Dragas“, schwimmende Kiesfabriken, die sich auf den Urwaldflüssen frei hin und her bewegen.
Andere arbeiten mit grossen Lastwagen und Schaufelbaggern. So wie die Goldbarone von Huepetue.

Die Goldbarone von Huepetue

„Die sind nicht gerade gut zu sprechen auf Leute von aussen“, warnt der Bürgermeister von Huepetue, bevor er mich mit einem Taxifahrer losschickt, mein Glück zu versuchen. Ich möchte einen der Goldbarone besuchen. Daniel, der Fahrer des Pick-ups, kennt sie alle persönlich, und will mich zur Familie Huaranho bringen. Auch hier die kilometerlange Fahrt durch Kiesgruben, Flüsse die sich als Rinnsale durch ausgedehnte Lehmwüsten schlängeln, da wo vor nicht langer Zeit Amazonaswald und ein reissender Fluss war. Die Claims hier wurden von Leuten aus dem Hochland bereits vor Jahren abgesteckt. Heute sitzen sie auf ihren Kiesgruben und bewachen ihr Gebiet. Goldgraben ist hier Familiengeschäft. Und einige Familien sind sehr sehr mächtig. Sie wohnen auf ihrer Goldgrube, oft schwer bewacht. Nicht von der Polizei, sondern von ihren eigenen Security-Leuten. Rund herum geschäftiges Treiben von grossen Lastwagen und Schaufelbaggern, die die Erde umgraben. Dennoch wurde vor zwei Wochen das Camp einer der Familien überfallen, 15 Kilo Gold haben die 10 maskierten Räuber entwendet, erzählt Daniel. Das sind immerhin 1,5 Millionen Dollar – damals, denn seit Februar 2010 ist der Goldpreis schon wieder gestiegen.

Wir fahren auf den Kieshügel, von dem aus die Familie Huaranho ihr Goldimperium betreibt. Vor dem Haus stehen mehrere neue Pick-up-Autos. Ansonsten Stille, ich stelle mir vor, dass hinter den Fenstern jemand mit einem Gewehr lauert, um ungebetene Besucher zu verscheuchen. Daniel geht voraus, um mit Herrn Huaranho zu sprechen. Zerknirscht kommt er nach ein paar Minunten zurück. „Ausgeschimpft haben sie mich, wie ich es wagen könne, Leute von aussen hierherzubringen“. Daniel fürchtet, dass er bei den Goldbaronen nun in Ungnade gefallen ist, und nicht mehr für Fahrdienste gerufen wird. Hier sind alle von den grossen Familien abhängig.

Wir machen einen letzten Versuch bei Cecilio Vaca. Der legendäre Cecilio Vaca, kam als einfacher Soldat aus Cusco vor 60 Jahren in die Gegend und besitzt heute eines der informellen Goldimperien von Madre de Dios. Das andere gehört seiner Ex-Frau La Goya, gefürchtet in der Gegen ob ihrer Härte, erzählt Daniel. Cecilio Vaca dagegen war lange Jahre Bürgermeister von Huepetue und hat, trotz seiner fast 80 Jahre, immer noch politische Ambitionen. Das ist auch der Grund, warum er mich nicht so grob abblitzen lassen kann, wie die anderen Goldbarone. Ich überrasche ihn beim Essen auf seiner Veranda auf seinem Kiesberg. Ein alter Mann, krank sei er , sagt er und wisse deswegen kaum etwas. Ja, das neue Dekret der Regierung. Jahrzehntelang waren die Goldgräber hier ungestört, haben keine Steuern bezahlt, ganz zu schweigen von Umweltabgaben.Dass es nicht so bleiben kann, wissen sie auch, aber die „ambientalistas radicales“ um Umweltminister Brack sollen zumindest nicht gewinnen. In den Worten von Cecilio Vaca klingt das Wort „ambientalista“ – Umweltschützer -, wie „terrorista“.

Wir fahren wieder über Mondkraterlandschaften zurück in den Hauptort Hupetue. Dort boomt das Geschäft. Auf der nicht asphaltierten Hauptstrasse reihen sich nagelneue Pick-up-Autos hintereinander. Die Geschäfte bieten neue Dieselmotoren für die „Chupaderas“an, die beiden Telefongesellschaften Telefónica und Claro wetteifern um die zahlungskräftige Kundschaft. Die Goldankaufstellen in Huepetue gleichen gut ausgestatteten Bankfilialen, mit Klimaanlage und Polstersesseln für die Kundschaft. In der Filiale von „Invergold“, einer Goldaufkaufkette aus Cusco, zeigt mir der Angestellte einen kleinen Klumpen Rohgold. 150 Soles will er dafür, 40 Euro, dabei reicht das nicht einmal für ein winziges Schmuckstück. Die Menge gold, die gerade für einen Ring reichen würde, kostet 600 soles, Vorzugspreis in Huepethue. Der staatliche Minimallohn in Peru liegt bei 500 Soles – monatlich.

Im Pick-up-Taxi, das mich nach Mazuko zurückbringen soll, komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch, ein rund 40-jähriger rundlicher Mann, der eine Aktentasche an sich klammert. Umsonst habe er die weite Reise von Puerto Maldonado gemacht, sagt er. Er sei Vertreter für Baumsamen, die verkaufe er an Aufforstungsprojekte. Jemand hatte ihm gesagt, in Huepetue bestünde dafür Bedarf. Der Bürgermeister habe ihn aber zuerst nicht empfangen wollen und schliesslich gesagt, solange es hier Gold gäbe, werde in Huepetue umgegraben und keine Bäumchen gepflanzt.



Wer gewinnt ?


Nach dem Protest der informellen Bergleute in Peru hat die Regierung einen Runden Tisch in Puerto Maldonado eingerichtet. Dort sitzen die Vereinigungen der Bergleute zusammen mit der Regierung, um sich über die zukünftige Zonifizierung der Region abzustimmen und die Formalisierung ihrer Geschäfte. Immerhin entgehen dem peruanischen Staat an die 15 Millionen US-$ an jährlichen Steuern, ganz zu schweigen von den Umweltschäden, und der Spirale der Gewalt, die das illegale Geschäft mit sich bringt. Auf der anderen Seite stehen bis zu 60 000 informelle Bergleute (einige sprechen sogar bis zu 80 000), die sich ihre Körnchen vom globalen Goldboom ergraben wollen, und die ohne den Bergbau als Subsistenzbauern oder unterbeschäftige Städter ein karges Dasein fristen. Ganz zu reden von der Wertschöpfungskette der Händler und Zwischenhändler.

Ein alternativer Lösungsansatz könnte in der Förderung formaler Genossenschaften von Bergleuten bestehen und in der Herstellung ethisch unbedenklichen Goldes. Es existieren bereits alternative Technologien, die kein Quecksilber verwenden, um das Gold zu scheiden. Eine einfache und friedliche Lösung, wie mit dem Problem des illegalen Bergbaus in Zeiten des Goldbooms umgegangen werden kann, ist nicht abzusehen. Gegen Gelbfieber gibt es einen Impfstoff. Gegen das Goldfieber dagegen ist noch kein Kraut gewachsen.
(erschienen gedruckt in ila Juni 2010)

domingo, 1 de noviembre de 2009

Von echten und nicht ganz echten Deutschen

Wie es wohl wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre ?

Ein Besuch bei Landsleuten in Lima




Eingangsbogen zur DDR




Den 3. Oktober 2009, den Tag der deutschen Einheit, habe ich dieses Jahr in der DDR verbracht. Habe einen Kleinbus bestiegen mit der Aufschrift "Alemana" , bin beim "arco" ausgestiegen und durch einen schwarz-gold-roten Bogen in die "República Democrática Alemana" eingetreten. Dort bin ich die einzige geteerte Strasse hinaufmarschiert, und mich gefragt, wie es wohl ist, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, in der DDR zu leben. Nichts einfacher, als ein paar DDR-Bürger dazu zu befragen.

"Ich bin ein 100%iger Deutscher", lacht Francisco Cárdenas, den alle hier Pancho nennen. "Hier hergestellt und hier geboren". Dabei schaut er verschmitzt zu seiner Mutter, die gerade aus der Küche kommt. "Stimmt doch, Mama, oder ?". "Ja", bestätigt diese. "Als wir hierher kamen, gab es hier noch gar nichts, nur Sand. Du bist einer der ersten Kinder, die hier geboren wurden". Pancho Cárdenas ist heute 24 Jahre alt, in Sweatshirt und Trainingsanzug lehnt er an der Eingagstür seines Hauses. Im Erdgeschoss sind ein paar Computer zu sehen, mit der Internet-Kabine verdient sich die Mutter etwas hinzu. Pancho dagegen hat schon ein eigenes Geschäft. "Ich bin Kaufmann. Kaufe Brötchen und Gebäck und verteile sie in all den Eckläden hier in der Gegend". Die Geschäfte gingen gut, so Pancho, er arbeite zwar 12 Stunden am Tag, aber er könne sich nicht beklagen. Überhaupt sei es hier vieles besser geworden, in den letzten 10 Jahren, meint seine Mutter.

Das mit dem "besser" ist ja alles eine Sache der Perspektive. Mir fällt es eher schwer, hinter den ungeteerten Seitenstrassen, den überall in die Luft ragenden Strom- und Telefonkabeln oder den herumstreunenden Hunde ein aufstrebendes Viertel zu erkennen. Aber wenn man sich daran erinnert, dass hier vor 25 Jahren absolut nichts stand, kein einziges Haus, keine einzige Wasser- geschweige denn Stromleitung, dann muss man der DDR Respekt zollen.

Die DDR, die ich meine, sie liegt im Süden der peruanischen Hauptstadt Lima, da wo die Armenviertel sich in den letzten 30 Jahren die Sandhügel rings um die Stadt erobert haben. Ihre Namen klingen alle verheissungsvoll : Kleeblatt, Stadt des Erlösers, Neue Hoffnung, Indoamérica. Die "DDR" sollte eigentlich nicht "DDR" heissen, ursprünglich, vor 25 Jahren. Mit so viel Hoffnung verbunden war die DDR auf der anderen Seite des Atlantiks denn auch damals nicht für junge Peruaner auf der Suche nach einem Stück Land.

Crisólogo Lago ist einer, der sich noch erinnern kann, an das, was vor 25 Jahren geschah. Ein paar Meter die Hauptstrasse hinauf hat er sein kleines Schuhgeschäft. Von Hand macht er die Schuhe noch, ein in rotem Leder gearbeiter Kinderschuh liegt in seiner Vitrine, und wartet darauf, abgeholt zu werden. Der Schuster, in Arbeitsmontur, erzählt. "Wir jungen Familien hatten eine Wohnungsbaugesellschaft gegründet, ein Agent hatte uns ein Stück Land hier im damals noch unbebauten Süden Limas versprochen". Gespart hatten sie alle auf ihr Grundstück, ihr Häuschen. Bis der Agent sich mit ihrem Geld davon machte, und die geschädigten Häuslebauer beschlossen, wildes Land zu besetzen. "Bundesrepublik Deutschland" sollte ihr Viertel heissen, das sie in die Wüste setzen wollten. Die Bundesrepublik galt damals, in den 80-er Jahren, als reiches Land. Und einer der ihren, so wollte es das Schicksal, arbeitete damals als Chauffeur bei der (bundes-)deutschen Botschaft in Lima. Wenn man das Kind, also das zu gründende Viertel, nach dem Paten benennt, dann gerät der vielleicht in Spendierlaune.... dies war die einfache Hoffnung, welche die Menschen mit der Namensgebung BRD verknüpften. Dass die Botschaft der BRD den Landbesetzern beim Bau ihrer Häuser unter die Arme greifen würde mit Geld.

"Aber wieso heisst dann das Viertel DDR und nicht BRD ?" Crisólogo Lago lächelt leicht, fast hätte er die Geschichte vergessen. "Unsere Anführer gerieten in Streit und die Gruppe teilte sich". Der eine nahm seine Leute und besetzte einen neuen Sandhügel, einen Kilometer weiter südlich von der geplanten "BRD". Und da der Name "BRD" schon besetzt war, kam er auf die Idee, das Viertel "DDR" zu nennen. Schliesslich war die damals, 1984, real existierend und vermeintlich quicklebendig.
Als Patin jedoch erwies sich die DDR damals etwas knausrig. Ein paar Flugblätter war alles was die damalige DDR-Vertretung in Lima für das Wohlergehen des selbsternannten Mündels beisteuern wollte.

"Und Ihr, seid Ihr auch Deutsche, "Alemanes" ?, frage ich eine Gruppe von Kindern, die gerade von der Schule kommt. Ihre blauen Schuluniformen haben immerhin schwarz-rot-goldene Litzen. Die drei Jungs und das Mädchen schauen mich ratlos an. "Natürlich nicht, wir sind Peruaner". Aber Ihr seid doch hier geboren, in der Deutschen Republik ? Ja schon......jetzt erst merken sie die Doppeldeutigkeit der Frage. Vom anderen Deutschland, dem Deutschland jenseits des Atlantiks, wissen sie nichts. Nicht mal, dass die peruanischen Fussball-Idole Claudio Pizarro und Pablo Guerrero in Deutschland kicken, bzw. dass "Bayern München" und "Hamburger SV" etwas mit Deutschland zu tun haben. Warum ihr eigenes Viertel nach einem fremden Land benannt ist, wissen sie ebenfalls nicht.

Ihre Lehrerin, Maria Ochoa, dagegen kann sich noch gut an die ersten Jahre der Besiedlung erinnern, "damals als wir hunderte von Metern laufen mussten, um einen Eimer Wasser zu füllen, weil es keine Wasserleitung gab". Ins Grübeln kommt sie allerdings, wenn sie den richtigen Namen des Viertels nennen soll. "Ist es Deutsche Demokratische Republik oder nur Deutsche Republik ?" Auch die "República Democrática Alemana" geriet in eine Identitätskrise, als die Mauer fiel und die DDR jenseits des Atlantiks sang- und klanglos unterging. Der damalige Staatspräsident Fujimori, so wissen einige ältere Bewohner zu berichten, habe damals das Viertel besucht und ihnen geraten, es doch umzubenennen. Daher der Zweifel, ob es denn nun immer noch die Demokratische Republik sei, oder ob man das "demokratisch" denn doch lieber weglassen solle ...... die Schule hat für letzteres optier. Sie nennt sich einfach "Alemana", deutsch. Auch die Kleinbusse, die den Hügel hoch preschen, preisen ihre Plätze mit "Alemana" an. Die DDR ist zum Synonym für ganz Deutschland geworden, zumindest hier im Süden Limas.

Bleibt noch die "Alemana Federal", die Bundesrepublik. Die gibt es nämlich auch, einen Kilometer weiter südlich, und eine Woche jünger als die DDR. Die bundesrepublikanischen Landbesetzer hatten etwas mehr Glück mit ihrer Patin. Ein Schild über dem Kindergarten der "Republica Federal Alemana" gibt Zeugnis von der Spendebereitschaft einiger Deutscher. Ansonsten ist die BRD klein geblieben, eine Handvoll Häuser eingezwängt zwischen den Vierteln "Valle Saron" und "Das Kleeblatt", ist alles was von der Bundesrepublik geblieben ist. In einer Seitenstrasse übt eine Schulklasse typisch peruanische Tänze ein. Tänze aus dem Andenhochland, da wo die Eltern und Grosseltern der Kinder einst herkamen. Die Mädchen schlagen im Tanz mit einem Seil um sich, wie gekonnte "Cowgirls", die Jungs müssen es schaffen, ihrer Tanzpartnerin nahe zu kommen, ohne mit dem Seil eine gewischt zu bekommen. Mit grosser Begeisterung hüpfen die 5-Klässler auf der Strasse herum. "Wisst Ihr, dass heute Euer Nationalfeiertag ist ?" Grosses Staunen, dann Lachen, es muss sich um einen Scherz halten. Was es ja auch tatsächlich ist.

Die deutsche Einheit wünscht sich hier niemand, jeder hat sich in seinem Viertel eingerichtet, die DDR-Deutschen und die BRD-Deutschen. Nur den Postboten, den Zulieferern und Taxifahrern wäre geholfen, wenn sie bei der Suche nach der Adresse "Deutschland", nicht mehr im falschen Teil Deutschlands landen würden.



Tanzende Kinder in der BRD



Kindergarten in der BRD


Crisólogo Lagos, der Schuster der DDR


Pancho Cárdenas, Jungunternehmer in der DDR

lunes, 22 de junio de 2009

Der Hund des Gärtners beißt zurück

Ein Kommentar zum jüngsten Blutbad im peruanischen Amazonasgebiet

Am 5. Juni räumte eine Einheit der peruanischen Polizei gewaltsam die Strassenblockaden, die indigene Demonstranten auf der Durchfahrtstrasse im peruanischen Amazonasgebiet errichtet hatten. Es kam daraufhin zu einem Blutbad, bei dem 24 Polizisten und mindestens 10 Ureinwohner getötet und rund 150 Personen verletzt wurden. Der Berichterstatter der UNO für Indigena-Fragen, James Anaya, und viele andere nationale und internationale Stellen haben inzwischen eine objektive Aufklärung der Geschehnisse gefordert.

Einige Hintergründe können jedoch bereits benannt werden.

Alles begann vor eineinhalb Jahren. Präsident Alan García veröffentlichte in der grössten Tageszeitung Perus einen Artikel aus eigener Feder, in dem er seine Strategie zur Entwicklung Perus bekanntgab: die Nutzung und Ausbeutung im grossen Stil der natürlichen Ressourcen Perus im Hoch- und im Tiefland. Peru könnte schon viel weiter sein, so schrieb García damals, wenn nicht sein Volk sich wie der Hund des Gärtners aus der gleichnamigen Fabel von Lope de Vega verhielte. Der wollte seinen Napf nicht leer essen, liess aber auch niemand anderen an sein Essen heran. So verhielten sich die Peruaner, laut García, und insbesondere die rückständigen Indigenas und andere Peruaner, die ihren gestrigen Kommunismus heute mit einem ökologischen Mäntelchen bedecken würden, wenn es um die Nutzung der Bodenschätze Perus ginge. Während zuerst vor allem ein Aufschrei(ben) durch die Reihe der oppositionellen Intellektuellen der Hauptstadt ging, wurden die Indigenas der Amazonasregion bald gewahr, dass Alan García es nicht bei der Ankündigung bleiben lassen würde. In den sogenannten „Leyes de la Selva“ (Dschungelgesetzen) schaffte er eine gesetzliche Grundlage für die breitangelegte Konzessionierung von Holz, Öl, Gas und Wasserreserven an nationale und internationale Investoren.
Letztes Jahr (200) organisierten die Indígenas des Amazonasgebietes erstmals dagegen einen Protest. Gefragt worden waren sie nämlich nicht, wie sie zur von oben verordneten Entwicklungsstragie ihres Lebensraumes stehen. Und dies, obwohl die auch von Peru unterschriebene ILO-Vereinbarung eine Konsultation zwingend vorsieht.
Der Protest letztes Jahr nütze nichts. Die Regierung war fest entschlossen, ihre Politik durchzusetzen. Vor drei Monaten vereinbarten die indigenen Völker des gesamten Amazonastieflandes erneut in den Ausstand zu gehen. Das heisst, sie blockierten die Verkehrswege zwischen Tiefland und er Hauptstadt und schnitten damit auch die Erdölzufuhr ab.
Die Regierung war nicht bereit zu einem Dialog, und schickte nach zwei Monaten die Polizei. Denn der Hauptstadt Lima ging das Öl und damit das Licht aus. In diesem Kontext ereignete sich das oben genannte Blutbad.
Erst eine Woche danach, am 17. Juni, und nach heftigen Protesten aus dem In- und Ausland, gab die Regierung Garcia schliesslich nach. Alan García gestand öffentlich den Fehler ein, die Indígenas nicht vorher gefragt zu haben. Am 18. Juni zog er zwei der „Dschungelgesetze“ zurück. Die Tieflandindigenas hatten gewonnen!

Was bedeuten diese Proteste und der Sieg der Indígenas:

• Die Indigenabewegung Perus ist mit diesen Protesten erstmals zu einem Akteur in der nationalen peruanischen Politik geworden. Im Gegensatz zu Ecuador und Peru war eine Indigena-Bewegung in Peru bis dahin nicht sichtbar.
• Die 350 000 Indigenas des äusserst dünn besiedelten Regenwaldes (Selva) sind weit besser organisiert als die zahlenmässig weit überlegeneren Quechua und Aymara- Indigenas des Hochlandes. Tatsächlich haben sich die Tiefland-Indigenas in den letzten Jahrzehnten unbemerkt von der Hauptstadt organisiert und konsolidiert.
• Eine Indigena-Bewegung – in der Hochland- und Tiefland-Indigenas zusammenkommen – ist in Peru im Aufbau. Ende Mai fand in Puno am Titicaca-See der lateinamerikanische Indigena-Gipfel statt. Bedeutsam ist die Allianz von Tiefland- und Hochland-Indigenas.
• Gemeinsamer Treffpunkt aller Indígenas war und ist die Bedrohung ihres Lebensraumes durch die staatliche und private Ausbeutung von Bodenschätzen. Zunehmend treten die Indígenas jedoch auch mit eigenen Konzepten in die Öffentlichkeit. Gerade mit dem Konzept des „Guten Lebens“ (Buen Vivir) stellen die Indigenas einen inhaltlichen Gegenpunkt zur radikalen Modernisierungsstragie der peruanischen Regierung vor.
• Alan García hat versucht, Evo Morales und Hugo Chávez für die Proteste der Indigenas verantwortlich zu machen. Tatsächlich hat aber weder Evo Morales, noch Hugo Chávez noch der peruanische oppositionelle Ollanta Humala ursächlich mit den Protesten der Amazonas-Indigenas zu tun. Hier handelt es sich eher um nachträglichen Opportunismus der linken Politiker, der wiederum Alan García eine bequeme Schuldzuweisung erlaubte. Die Beziehungen zwischen Peru einerseits und Bolivien haben sich durch den Konflikt verschlechtert, die Gegensätze in ihrer jeweiligen Politik zugespitzt.
• Der Konflikt mag fürs erste mit dem Einlenken der Regierung beigelegt sein.Neu aufflammende Protest in anderen Landesteilen zeigen jedoch, dass sich indigene Gruppen nun ermutigt fühlen, mit ihren Forderungen – z.Bsp. gegen die Vergabe von Bergbaukonzessionen – ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gelangen. Der Konflikt um das richtige Entwicklungs- und Modernisierungsmodell für Peru wird weitergehen, mit einer gestärkten Indigena-Fraktion. In diesem Sinn dürfen wir auch gespannt sein, wie sich die Indigena-Bewegung als politischer Akteur im Präsidentschaftswahlkampf 2011 präsentiert.
• Noch ein Wort zur Kirche: die Amazonas-Region gehört zu den am dünnst besiedelsten Regionen Perus und, in den Augen der Hauptstadt, zu den ärmsten und rückständigsten. Vielleicht sind gerade deswegen dort die progressiven Bischöfe noch nicht gegen Opus Dei und Sodalitium-Anhänger ausgetauscht worden. Sie und ihre Vikariate und Prälaturen waren einfach zu unbedeutend. Das heisst, die progressivsten katholischen Bischöfe Perus findet man heute in der Selva.Bereits im April hatten die 9 Bischöfe der Selva den Protest der Indigenas gegen die „Dschungelgesetze“ in einem öffentlichen Kommunique unterstützt. Als Vermittler und Wächter zur Einhaltung der Menschenrechte ist die Kirche dort geschätzt. Inwiefern sie auch als inhaltlicher Gesprächspartner bei der Entwicklung eines alternativen Entwicklungsmodells von den Indigenen herangezogen werden, bleibt abzuwarten.
• Hintergrund der umstrittenen „Dschungelgesetzgebung“ waren die Bestimmungen des Freihandelsvertrage zwischen den USA und Peru. In diesen Tagen wird der Freihandelsvertrag zwischen der EU und Peru in Brüssel ausgehandelt. Obwohl verschiedene Gruppierungen eine Aussetzung der Verhandlungen gefordert haben (u.a. die Plataforma Europa Peru verschiedener Solidaritätsgruppen und die Infostelle Peru), gehen diese weiter.
• Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt massgeblich das neugegründete peruanische Umweltministerium und hat von daher einen Einfluss auf die Entwicklungsstrategie Perus.

Weitere Infos auf: www.infostelle-peru.de

sábado, 28 de febrero de 2009

Schlaraffenland Peru


Schlaraffenland Peru

Eines der best gehütetsten Geheimnisse ist die peruanische Küche. Sie ist köstlich, vielfältig, nahrhaft und dabei, die Welt zu erorbern. Und macht auch vor schweren Jungs nicht Halt.

„Wie schmeckt Ihnen das peruanische Essen ?“ – Kaum ein Besucher Perus, dem diese Frage nicht gleich nach seiner Ankunft in Peru gestellt wird. Taxifahrer, Freunde, Hotelbesitzer oder Pfarrer: in Peru sind alle Hobby-Gourmets und platzen vor Stolz auf die Qualität ihrer Nationalküche. Deshalb sollte auch niemand den Fehler begehen, und auf die Frage mit „Pizza“ oder „Spaghetti“ antworten, sondern ein peruanisches Gericht nennen. Wer kein Spanisch kann, sollte zumindest die Namen einiger peruanischer Gerichte lernen: den marinierten rohen Fisch „ Ceviche“, die Kartoffelpastete „Causa Limeña“, oder das Hühnerfrikassee „Aji de gallina“. Besser noch ist das Ausprobieren. Essen und Küche ist in Peru nicht schnöde Nahrungsaufnahme, sondern Kultur, Volkskultur. Und das in einem Land, das trotz Wirtschaftswachstum immer noch knapp 50% Arme aufweist. Immer mehr Menschen jedoch finden in der Kochkunst einen Weg, der Armut zu entfliehen.

Volksküche im Freien

Juana Córdova bietet einen gut gefüllten Teller „Pachamanca“ an. Auf einem Pappteller liegen drei im Erdofen gegarte Fleischstücke, samt drei Sorten Kartoffeln, gekochter Saubohnen und einer süssen Maistasche. Pachamanca ist eine Spezialität der Zentralanden, der Heimat Juana Córdovas. Jeden Samstag und Sonntag steht die 50-jährige Familienfrau in weiss gestärker Schürze und Kochhaube auf der Plaza Italia in der Altstadt Limas. Sie steht in einer Reihe mit 30 Kolleginnen, die alle ihre zu Hause bereiteten Spezialgerichte verkaufen. „Festival Gastronómico“, gastronomisches Festival, heisst dieses von der Stadt Lima unterstützte Volksbuffet. Der lange Tisch biegt sich unter der Menge an Ceviche (Roher marinierter Fisch), Rocoto Relleno (Gefüllte Paprikaschote), Causa Limenha (Gefüllte Kartoffelpastete) oder Cabrito (Ziegenfleisch mit Bohnen),um nur ein paar der vertretenen Nationalspeisen zu nennen. Das Festival hat regen Zulauf und um die Mittagszeit sind alle weissen Plastiktische besetzt; viele Familien gönnen sich hier nach dem Wochenendeinkauf ein reichhaltiges und doch erschwingliches Mittagessen. Rund drei Euro kostet ein Teller Pachamanca, an dem gut zwei Personen satt werden können, und der mit Liebe zubereitet ist. „Das Rezept ist von meiner Grossmutter, und in die Zubereitung müssen Liebe und Freude am Kochen einfliessen“.

Vor zehn Jahren rief die Stadverwaltung von Lima einen Wettbewerb für Hausfrauen aus: sie sollten ihr bestes Gericht präsentieren. Die besten Köchinnen erhielten danach Kurse in Lebensmittelkunde, Hygiene und Marketing und wurden eingeladen, am gastronomischen Festival teilzunehmen. Die kulinarische Volksküche entwickelte sich zu einem Renner. Denn kaum etwas ist den Peruanern heiliger als ihr geliebtes „almuerzo“, das Mittagessen. Es darf ruhig erst um 14 Uhr beginnen, dagegen am Wochenende spät abends feuchtfröhlich enden. An Wochentagen werden beim Mittagessen Geschäfte beredet, Liebesbande angeknüpft und beendet, oder Jubiläen gefeiert. Für Juana Córdova und die anderen Köchinnen des Gastronomischen Festivals hat die Lust der Peruaner am Essen zu einem neuen Familieneinkommen geführt. Rund 30 Euro verdient eine Köchin an einem Wochenende. Damit kann man dann schon wieder die eigene Familie ein paar Tage etwas Gutes vorsetzen.

Das Geheimnis der Küche

„Mein Geheimnis ist es, die Pfefferschote besonders gut zu waschen“, erklärt Maria Mamani, die Spezailistin für Rocoto Relleno am Festival. Jede Hausfrau hat ihr eigenes Geheimrezept, das meist innerhalb der Familie von Mutter und Grossmutter überliefert wurde. Was jedoch ist das Geheimnis für die so überaus vielfältige und schmackhafte Küche Perus ? Ein Gang durch einen beliebigen Markt in Lima gibt eine Antwort. Da liegen saftige Äpfel neben Mandarinen, Bananen, Ananas und Papaya. Mindestens 8 Kartoffelsorten muss jede Gemüseverkäuferin auf Lager haben, nicht zu reden von den einheimischen Getreidearten Quinoa und Kiwicha. Am Fischstand werden frische Fische ausgenommen, Meeresfrüchte und Muscheln sind eine billige Zugabe. Die Geographie Perus mit ihren extremen Höhenunterschieden erweist sich als Glück für die Küche: die Produkte jeder Klimazone, vom Urwald bis zu den 5000 Metern hohen Anden, sind innerhalb eines Tages in Lima. Und vor der Küste der Hauptstadt selbst liegt eines der fischreichsten Meere der Welt. Diesen Reichtum kannten schon die Völker, die Peru besiedelten, bevor die Spanier Amerika vor über 500 Jahren in Besitz nahmen. Die Inka , ebenso wie die Völker Moche oder Chimú an der Küste sollen bereits Ceviche zubereitet haben. Nicht nur die Erde, sondern auch deren Erzeugnisse, galten den Indianervölkern als heilig und beseelt. Dies kann man in vielen prä-kolombinischen Keramikfiguren erkennen, die Lebensmittel als Menschen abbilden. Die heutige peruanische Küche ist jedoch nicht nur das Ergebnis der Indianervölker, sondern die Mischung aller Kulturen, die sich in Peru zusammengefunden haben. Die Spanier brachten den Zucker mit und legten den Grundstein für die berühmten limenischen Desserts. Afrikanische Sklaven bereiteten aus den Resten ihrer Herrschaften die heutigen Nationalgerichte zu. Nudelgerichte gehen auf italienische Einwanderer zurück, und ganz besonderen Einfluss haben die chinesichen Einwanderer hinterlassen. Kaum eine Strasse Perus, in der man nicht eine Chifa, ein chinesisches Restaurant findet, in dem man gut und billig essen kann.

Kochen im Knast

Genau diese kulturelle Mischung war den reichen Limeños zuerst suspekt. Peruanische Volksgerichte haben erst seit einigen Jahren Eingang in die Edelrestaurants von Lima gefunden. Inzwischen sind sie davon nicht mehr wegzudenken. Peruanische Gourmet-Köche entwickeln die Volksgerichte weiter, standardisieren und verfeinern sie ständig. Speziell die Haupstadt Lima ist als kulinarische Hauptstadt Lateinamerikas weit über Peru hinaus bekannt. Kein Wunder, dass neben den Restaurants auch die Koch-Schulen aus dem Boden schiessen. Wollten vor ein paar Jahren die Jugendlichen noch Jura oder Medizin studieren, so wollen heute alle Koch werden. Nicht einfach „Koch“, sondern „Cheff“-Koch, wie es im Spanischen heisst. In die Kochschule der städtischen „Cenfotur“ in Lima kommen jeden Abend 30 junge und nicht mehr so junge Männer und Frauen, um sich in die Geheimnisse der peruanischen Küche einführen zu lassen. Viele von ihnen hoffen, das Kochen zu ihrem Beruf machen zu können und damit gutes Geld zu verdienen. Andere haben das Kochen als Hobby entdeckt. So wie der 46-jährige Theologe und Kriminologe José Luis Pérez. Im Hauptberuf ist er Leiter der Gefängnispastoral im berüchtigsten Gefängnis Perus, dem Lurigancho-Gefängnis. Heute bereitet er in der Kochschule die peruanische Hamburger-Variante „Butifarra“ zu. „Mit Kochen kommst Du den Menschen nahe“, ist sein Fazit. Bei seinen Pastoralbesuchen im Gefängnis, hat ihm seine Koch-Erfahrung geholfen zuweilen mehr geholfen als die Bibel. Als José Luis Pérez einen Kurs für die Gefängnis-Köche – die selbst Strafgefangene sind – organisierte, waren nicht nur die Häftlinge sondern auch das Wachpersonal begeistert. „ Als ich in Koch-Monitur das Gefängnis betrat, wurde ich zum ersten Mal nicht durchsucht. Sogar die Küchenmesser konnte ich mit ins Gefängnis nehmen“, staunt José Luis darüber, welche Wertschätzung und Vertrauen einem Koch entgegengebracht wird. Wer sonst das Lurigancho besuchen möchte, muss alles, was nur entfernt als Waffe gebraucht werden könnte, am Eingang abgeben.

Das Essen ist in Peru heilig – im Gefängnis ebenso, wie im ganzen Land. In den Armenvierteln ebenso wie im Edelrestaurant. Ein Grund dafür mag sein, dass es nicht vieles gibt, was alle Peruaner – ob reich oder arm, ob braun, schwarz oder weisshäutig, ob Bauer oder Gelehrter – gemeinsam haben. Die Reichen haben ihre eigenen Schulen, Krankenhäuser und Clubs. Die Armen haben ihre. Worüber sollen sie reden, wenn sie sich doch mal treffen ? Über´s Essen natürlich. Den köstlichen Ceviche vom Wochenende , der pikante Rocoto oder die zarte Lukuma-Mazamorra – darüber kann jeder Peruaner etwas sagen. Stundenlang, und bis man wieder Hunger bekommt. Probieren Sie es aus.

miércoles, 25 de junio de 2008

Wellness-Pastoral

Oder: peruanische Strategien gegen den Mitgliederschwund in der katholischen Kirche


(Foto: Martin Steffen)

Paula Bermúdez ist eine kräftige Frau. Wenn sie an meinen Füssen herumdruckt, möchte ich manchmal am liebsten losschreien. Das seien meine verspannten Meridiane, antwortet sie mir fröhlich. Und während sie sanft, oder auch weniger sanft, meine blockierten Energiezonen wieder öffnet, erzählt sie mir aus ihrem Leben. 48 Jahre alt ist sie, Mutter eines erwachsenen Sohnes, der eben seine Ausbildung als Hebamme abgeschlossen hat. Paula wohnt in einer der grossen Armensiedlungen Limas und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Fussreflexzonentherapie. Genauso geschickt, wie sie meine Füsse massiert, bringt sie das Gespräch auf mich: was ich mache, wie mein Privatleben sei, ob ich glücklich sei. Ob ich an Gott glaube. Schnell sind wir beim Thema Kirche und Theologie und Paula hält mir einen langen Vortrag über die Bedeutung der Marienverehrung in der Alten Kirche. Paula ist Laienmissionarin, katholisch, wie sie betont. Das muss man in Peru inzwischen dazusagen. In den letzten 40 Jahren erlebt die katholische Kirche in Lateinamerika einen steten Mitgliederschwund. Vor kurzem galt Peru noch als gut katholisches Stammland, das manche Bischöfe als ihren Feudalbesitz ansahen. Heute geht selbst die peruanische Bischofskonferenz nur von 80% Katholiken in Peru aus. Es ist aber keineswegs so, dass die restlichen 20% nun vom Gottglauben abgefallen sind. Die meisten der abtrünnigen Katholiken finden in evangelikalen Kirchen eine neue Heimat. "Asamblea de Dios", "Alianza Misionera", oder "Kirche Jerusalems", heissen die kleinen bis grösseren evangelischen Kirchen. Ihnen gemein ist, dass sie mit ihren engagierten Laienmissionaren bis ins hinterste Armenviertel gelangen und dass man gegen ihre Bibelargumentation gemeinhin als Katholik nicht ankommt.



( Foto: Martin Steffen)

Das hat auch Sebastián Abanto am eigenen Leib gespürt. Der 54-jährige Schreiner und Familienvater ist ebenso wie Paula Bermúdez Mitglied der Gruppierung "Servicio bíblico Católico", einer katholischen Bibelgruppe in der Diözese Chosica im Osten Limas.
"Meine Frau stammt aus einer evangelikalen Familie, und ich habe nicht weniger als 4 evangelische Pastoren in der Familie. Jede Woche beten sie dafür, dass ich mich auch bekehre", erzählt Walter. Aber Walter Abanto ist sturköpfig. Von seinem katholischen Glauben will er nicht ablassen. Damit er der Wucht der evangelikalen Bibelüberzeugung etwas entgegensetzen kann, ist er Mitglied der "Servicio Bíblico Católico" geworden. 120 Mitglieder hat die Gruppe, sie treffen sich wöchentlich in einem bescheidenen Backsteinraum im Viertel Zárate, und finanzieren ihre Bibelaktivitäten mit Fussreflexzonenmassage. Vor allem aber gehen sie bei der evangelikalen Konkurrenz in die Lehre und kopieren deren Strategien: " Die Evangelikalen haben deswegen so viel Erfolg, weil sie zu den Leuten gehen und weil sie die Menschen von sich erzählen lassen", erklärt Paula. "Die Versammlungen der Evangelikalen sind sehr herzlich und sie geben Dir das Gefühl, dass sie Dir zuhören". Genau dieses herzliche Miteinander und Sich-gegenseitig-Kümmern würden sie in ihrer Gruppe auch leben.

(Foto: Martin Steffen)

Paula, Walter und die anderen Gruppenmitglieder haben sich also in Theologie und Bibelkunde gebildet - unter anderem mit Hilfe der Theologiekurse der Diözese Chosica - und gehen nun selbst als Strassenmissionare von Haus zu Haus. Als katholische Missionare wie sie betonen. Woran es denn liege, dass die katholische Kirche an Attraktivität verliere ? Walter und Paula haben einige Antworten parat: die katholischen Priester seien vielmals mehr mit der Verwaltung ihrer Sozialwerke beschäftigt und hätten keine Zeit, sich wirklich um die Menschen zu kümmern; oder Priester, die alles selbst machen wollen und nichts an Laien (also Nicht-Priester) delegieren. Oder, dass manche Priester und Bischöfe sich als was besseres fühlen würden, und nicht wollten, dass sich die "einfachen" Katholiken ebenfalls weiterbilden und Aufgaben übernehmen.

Nach 20 Minuten unter Paulas Händen, sind meine Reflexzonen gelockert und ich empfinde mich fast als neu bekehrte Katholikin. Auch wenn ich einige Ratschläge Paulas zu meinem liberal-katholischen Lebenswandel denn doch zu eng finde, so empfinde ich doch grossen Respekt vor ihrem Engagement und ihrem katholischen guten Menschenverstand.

In diesen Tagen diskutieren die lateinamerikanischen Bischöfe in Rom, was sie gegen den Mitgliederschwund ihrer Kirche unternehmen können. Vielleicht sollten sie sich einfach mal die Schuhe ausziehen und sich von Paula ihre Meridiane öffnen lassen.....