sábado, 28 de febrero de 2009

Schlaraffenland Peru


Schlaraffenland Peru

Eines der best gehütetsten Geheimnisse ist die peruanische Küche. Sie ist köstlich, vielfältig, nahrhaft und dabei, die Welt zu erorbern. Und macht auch vor schweren Jungs nicht Halt.

„Wie schmeckt Ihnen das peruanische Essen ?“ – Kaum ein Besucher Perus, dem diese Frage nicht gleich nach seiner Ankunft in Peru gestellt wird. Taxifahrer, Freunde, Hotelbesitzer oder Pfarrer: in Peru sind alle Hobby-Gourmets und platzen vor Stolz auf die Qualität ihrer Nationalküche. Deshalb sollte auch niemand den Fehler begehen, und auf die Frage mit „Pizza“ oder „Spaghetti“ antworten, sondern ein peruanisches Gericht nennen. Wer kein Spanisch kann, sollte zumindest die Namen einiger peruanischer Gerichte lernen: den marinierten rohen Fisch „ Ceviche“, die Kartoffelpastete „Causa Limeña“, oder das Hühnerfrikassee „Aji de gallina“. Besser noch ist das Ausprobieren. Essen und Küche ist in Peru nicht schnöde Nahrungsaufnahme, sondern Kultur, Volkskultur. Und das in einem Land, das trotz Wirtschaftswachstum immer noch knapp 50% Arme aufweist. Immer mehr Menschen jedoch finden in der Kochkunst einen Weg, der Armut zu entfliehen.

Volksküche im Freien

Juana Córdova bietet einen gut gefüllten Teller „Pachamanca“ an. Auf einem Pappteller liegen drei im Erdofen gegarte Fleischstücke, samt drei Sorten Kartoffeln, gekochter Saubohnen und einer süssen Maistasche. Pachamanca ist eine Spezialität der Zentralanden, der Heimat Juana Córdovas. Jeden Samstag und Sonntag steht die 50-jährige Familienfrau in weiss gestärker Schürze und Kochhaube auf der Plaza Italia in der Altstadt Limas. Sie steht in einer Reihe mit 30 Kolleginnen, die alle ihre zu Hause bereiteten Spezialgerichte verkaufen. „Festival Gastronómico“, gastronomisches Festival, heisst dieses von der Stadt Lima unterstützte Volksbuffet. Der lange Tisch biegt sich unter der Menge an Ceviche (Roher marinierter Fisch), Rocoto Relleno (Gefüllte Paprikaschote), Causa Limenha (Gefüllte Kartoffelpastete) oder Cabrito (Ziegenfleisch mit Bohnen),um nur ein paar der vertretenen Nationalspeisen zu nennen. Das Festival hat regen Zulauf und um die Mittagszeit sind alle weissen Plastiktische besetzt; viele Familien gönnen sich hier nach dem Wochenendeinkauf ein reichhaltiges und doch erschwingliches Mittagessen. Rund drei Euro kostet ein Teller Pachamanca, an dem gut zwei Personen satt werden können, und der mit Liebe zubereitet ist. „Das Rezept ist von meiner Grossmutter, und in die Zubereitung müssen Liebe und Freude am Kochen einfliessen“.

Vor zehn Jahren rief die Stadverwaltung von Lima einen Wettbewerb für Hausfrauen aus: sie sollten ihr bestes Gericht präsentieren. Die besten Köchinnen erhielten danach Kurse in Lebensmittelkunde, Hygiene und Marketing und wurden eingeladen, am gastronomischen Festival teilzunehmen. Die kulinarische Volksküche entwickelte sich zu einem Renner. Denn kaum etwas ist den Peruanern heiliger als ihr geliebtes „almuerzo“, das Mittagessen. Es darf ruhig erst um 14 Uhr beginnen, dagegen am Wochenende spät abends feuchtfröhlich enden. An Wochentagen werden beim Mittagessen Geschäfte beredet, Liebesbande angeknüpft und beendet, oder Jubiläen gefeiert. Für Juana Córdova und die anderen Köchinnen des Gastronomischen Festivals hat die Lust der Peruaner am Essen zu einem neuen Familieneinkommen geführt. Rund 30 Euro verdient eine Köchin an einem Wochenende. Damit kann man dann schon wieder die eigene Familie ein paar Tage etwas Gutes vorsetzen.

Das Geheimnis der Küche

„Mein Geheimnis ist es, die Pfefferschote besonders gut zu waschen“, erklärt Maria Mamani, die Spezailistin für Rocoto Relleno am Festival. Jede Hausfrau hat ihr eigenes Geheimrezept, das meist innerhalb der Familie von Mutter und Grossmutter überliefert wurde. Was jedoch ist das Geheimnis für die so überaus vielfältige und schmackhafte Küche Perus ? Ein Gang durch einen beliebigen Markt in Lima gibt eine Antwort. Da liegen saftige Äpfel neben Mandarinen, Bananen, Ananas und Papaya. Mindestens 8 Kartoffelsorten muss jede Gemüseverkäuferin auf Lager haben, nicht zu reden von den einheimischen Getreidearten Quinoa und Kiwicha. Am Fischstand werden frische Fische ausgenommen, Meeresfrüchte und Muscheln sind eine billige Zugabe. Die Geographie Perus mit ihren extremen Höhenunterschieden erweist sich als Glück für die Küche: die Produkte jeder Klimazone, vom Urwald bis zu den 5000 Metern hohen Anden, sind innerhalb eines Tages in Lima. Und vor der Küste der Hauptstadt selbst liegt eines der fischreichsten Meere der Welt. Diesen Reichtum kannten schon die Völker, die Peru besiedelten, bevor die Spanier Amerika vor über 500 Jahren in Besitz nahmen. Die Inka , ebenso wie die Völker Moche oder Chimú an der Küste sollen bereits Ceviche zubereitet haben. Nicht nur die Erde, sondern auch deren Erzeugnisse, galten den Indianervölkern als heilig und beseelt. Dies kann man in vielen prä-kolombinischen Keramikfiguren erkennen, die Lebensmittel als Menschen abbilden. Die heutige peruanische Küche ist jedoch nicht nur das Ergebnis der Indianervölker, sondern die Mischung aller Kulturen, die sich in Peru zusammengefunden haben. Die Spanier brachten den Zucker mit und legten den Grundstein für die berühmten limenischen Desserts. Afrikanische Sklaven bereiteten aus den Resten ihrer Herrschaften die heutigen Nationalgerichte zu. Nudelgerichte gehen auf italienische Einwanderer zurück, und ganz besonderen Einfluss haben die chinesichen Einwanderer hinterlassen. Kaum eine Strasse Perus, in der man nicht eine Chifa, ein chinesisches Restaurant findet, in dem man gut und billig essen kann.

Kochen im Knast

Genau diese kulturelle Mischung war den reichen Limeños zuerst suspekt. Peruanische Volksgerichte haben erst seit einigen Jahren Eingang in die Edelrestaurants von Lima gefunden. Inzwischen sind sie davon nicht mehr wegzudenken. Peruanische Gourmet-Köche entwickeln die Volksgerichte weiter, standardisieren und verfeinern sie ständig. Speziell die Haupstadt Lima ist als kulinarische Hauptstadt Lateinamerikas weit über Peru hinaus bekannt. Kein Wunder, dass neben den Restaurants auch die Koch-Schulen aus dem Boden schiessen. Wollten vor ein paar Jahren die Jugendlichen noch Jura oder Medizin studieren, so wollen heute alle Koch werden. Nicht einfach „Koch“, sondern „Cheff“-Koch, wie es im Spanischen heisst. In die Kochschule der städtischen „Cenfotur“ in Lima kommen jeden Abend 30 junge und nicht mehr so junge Männer und Frauen, um sich in die Geheimnisse der peruanischen Küche einführen zu lassen. Viele von ihnen hoffen, das Kochen zu ihrem Beruf machen zu können und damit gutes Geld zu verdienen. Andere haben das Kochen als Hobby entdeckt. So wie der 46-jährige Theologe und Kriminologe José Luis Pérez. Im Hauptberuf ist er Leiter der Gefängnispastoral im berüchtigsten Gefängnis Perus, dem Lurigancho-Gefängnis. Heute bereitet er in der Kochschule die peruanische Hamburger-Variante „Butifarra“ zu. „Mit Kochen kommst Du den Menschen nahe“, ist sein Fazit. Bei seinen Pastoralbesuchen im Gefängnis, hat ihm seine Koch-Erfahrung geholfen zuweilen mehr geholfen als die Bibel. Als José Luis Pérez einen Kurs für die Gefängnis-Köche – die selbst Strafgefangene sind – organisierte, waren nicht nur die Häftlinge sondern auch das Wachpersonal begeistert. „ Als ich in Koch-Monitur das Gefängnis betrat, wurde ich zum ersten Mal nicht durchsucht. Sogar die Küchenmesser konnte ich mit ins Gefängnis nehmen“, staunt José Luis darüber, welche Wertschätzung und Vertrauen einem Koch entgegengebracht wird. Wer sonst das Lurigancho besuchen möchte, muss alles, was nur entfernt als Waffe gebraucht werden könnte, am Eingang abgeben.

Das Essen ist in Peru heilig – im Gefängnis ebenso, wie im ganzen Land. In den Armenvierteln ebenso wie im Edelrestaurant. Ein Grund dafür mag sein, dass es nicht vieles gibt, was alle Peruaner – ob reich oder arm, ob braun, schwarz oder weisshäutig, ob Bauer oder Gelehrter – gemeinsam haben. Die Reichen haben ihre eigenen Schulen, Krankenhäuser und Clubs. Die Armen haben ihre. Worüber sollen sie reden, wenn sie sich doch mal treffen ? Über´s Essen natürlich. Den köstlichen Ceviche vom Wochenende , der pikante Rocoto oder die zarte Lukuma-Mazamorra – darüber kann jeder Peruaner etwas sagen. Stundenlang, und bis man wieder Hunger bekommt. Probieren Sie es aus.

miércoles, 25 de junio de 2008

Wellness-Pastoral

Oder: peruanische Strategien gegen den Mitgliederschwund in der katholischen Kirche


(Foto: Martin Steffen)

Paula Bermúdez ist eine kräftige Frau. Wenn sie an meinen Füssen herumdruckt, möchte ich manchmal am liebsten losschreien. Das seien meine verspannten Meridiane, antwortet sie mir fröhlich. Und während sie sanft, oder auch weniger sanft, meine blockierten Energiezonen wieder öffnet, erzählt sie mir aus ihrem Leben. 48 Jahre alt ist sie, Mutter eines erwachsenen Sohnes, der eben seine Ausbildung als Hebamme abgeschlossen hat. Paula wohnt in einer der grossen Armensiedlungen Limas und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Fussreflexzonentherapie. Genauso geschickt, wie sie meine Füsse massiert, bringt sie das Gespräch auf mich: was ich mache, wie mein Privatleben sei, ob ich glücklich sei. Ob ich an Gott glaube. Schnell sind wir beim Thema Kirche und Theologie und Paula hält mir einen langen Vortrag über die Bedeutung der Marienverehrung in der Alten Kirche. Paula ist Laienmissionarin, katholisch, wie sie betont. Das muss man in Peru inzwischen dazusagen. In den letzten 40 Jahren erlebt die katholische Kirche in Lateinamerika einen steten Mitgliederschwund. Vor kurzem galt Peru noch als gut katholisches Stammland, das manche Bischöfe als ihren Feudalbesitz ansahen. Heute geht selbst die peruanische Bischofskonferenz nur von 80% Katholiken in Peru aus. Es ist aber keineswegs so, dass die restlichen 20% nun vom Gottglauben abgefallen sind. Die meisten der abtrünnigen Katholiken finden in evangelikalen Kirchen eine neue Heimat. "Asamblea de Dios", "Alianza Misionera", oder "Kirche Jerusalems", heissen die kleinen bis grösseren evangelischen Kirchen. Ihnen gemein ist, dass sie mit ihren engagierten Laienmissionaren bis ins hinterste Armenviertel gelangen und dass man gegen ihre Bibelargumentation gemeinhin als Katholik nicht ankommt.



( Foto: Martin Steffen)

Das hat auch Sebastián Abanto am eigenen Leib gespürt. Der 54-jährige Schreiner und Familienvater ist ebenso wie Paula Bermúdez Mitglied der Gruppierung "Servicio bíblico Católico", einer katholischen Bibelgruppe in der Diözese Chosica im Osten Limas.
"Meine Frau stammt aus einer evangelikalen Familie, und ich habe nicht weniger als 4 evangelische Pastoren in der Familie. Jede Woche beten sie dafür, dass ich mich auch bekehre", erzählt Walter. Aber Walter Abanto ist sturköpfig. Von seinem katholischen Glauben will er nicht ablassen. Damit er der Wucht der evangelikalen Bibelüberzeugung etwas entgegensetzen kann, ist er Mitglied der "Servicio Bíblico Católico" geworden. 120 Mitglieder hat die Gruppe, sie treffen sich wöchentlich in einem bescheidenen Backsteinraum im Viertel Zárate, und finanzieren ihre Bibelaktivitäten mit Fussreflexzonenmassage. Vor allem aber gehen sie bei der evangelikalen Konkurrenz in die Lehre und kopieren deren Strategien: " Die Evangelikalen haben deswegen so viel Erfolg, weil sie zu den Leuten gehen und weil sie die Menschen von sich erzählen lassen", erklärt Paula. "Die Versammlungen der Evangelikalen sind sehr herzlich und sie geben Dir das Gefühl, dass sie Dir zuhören". Genau dieses herzliche Miteinander und Sich-gegenseitig-Kümmern würden sie in ihrer Gruppe auch leben.

(Foto: Martin Steffen)

Paula, Walter und die anderen Gruppenmitglieder haben sich also in Theologie und Bibelkunde gebildet - unter anderem mit Hilfe der Theologiekurse der Diözese Chosica - und gehen nun selbst als Strassenmissionare von Haus zu Haus. Als katholische Missionare wie sie betonen. Woran es denn liege, dass die katholische Kirche an Attraktivität verliere ? Walter und Paula haben einige Antworten parat: die katholischen Priester seien vielmals mehr mit der Verwaltung ihrer Sozialwerke beschäftigt und hätten keine Zeit, sich wirklich um die Menschen zu kümmern; oder Priester, die alles selbst machen wollen und nichts an Laien (also Nicht-Priester) delegieren. Oder, dass manche Priester und Bischöfe sich als was besseres fühlen würden, und nicht wollten, dass sich die "einfachen" Katholiken ebenfalls weiterbilden und Aufgaben übernehmen.

Nach 20 Minuten unter Paulas Händen, sind meine Reflexzonen gelockert und ich empfinde mich fast als neu bekehrte Katholikin. Auch wenn ich einige Ratschläge Paulas zu meinem liberal-katholischen Lebenswandel denn doch zu eng finde, so empfinde ich doch grossen Respekt vor ihrem Engagement und ihrem katholischen guten Menschenverstand.

In diesen Tagen diskutieren die lateinamerikanischen Bischöfe in Rom, was sie gegen den Mitgliederschwund ihrer Kirche unternehmen können. Vielleicht sollten sie sich einfach mal die Schuhe ausziehen und sich von Paula ihre Meridiane öffnen lassen.....

lunes, 2 de junio de 2008

Volksgericht II








Die Fotos sprechen für sich. Sie zeigen ein echtes - kein symbolisches - Dorfgericht in einem Andendorf, rund 10 Busstunden von Cusco entfernt. Der junge Mann wurde beim Stehlen erwischt. Zur Strafe muss er im Watschelgang, halbnackt und mit einem Schild bedeckt "Ich bin ein Dieb aus dem Dorf Vista Alegre" mehrmals die Runde machen, an den Dorfbewohnern vorbei, die einen Kreis gebildet haben. Der "Gerichtspräsident" fragt, ob jemand etwas zu Gunsten des Angeklagten vorbringen könne. Ein Cousin des jungen Burschen spricht darauf hin. Anschliessend berät ein Ältestengremium. Am wahrscheinlichsten sei, so erklärte mir mein lokaler Begleiter, dass der Junge ausgepeitscht werde zur Strafe.
Selbstjustiz oder auch indigene Justiz ist ein wichtiges Thema in Peru. Da die Justizbehörden nicht in allen Dörfern erreichbar sind, oder aber der Korruption bezichtigt werden, greifen viele Menschen in den Anden zur Selbstjustiz. Dabei kann es auch zu Morden kommen - wie es in der Kleinstadt Ilave vor 5 Jahren der Fall war. Für die Menschenrechtsgruppen ist die Selbstjustiz ein schwieriges Thema, vor allem wenn die kulturelle Komponente im Spiel ist: das Recht auf kulturelle Eigenständigkeit trifft auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

sábado, 17 de mayo de 2008

Volksgericht l



An Tauccamarca erinnere ich mich, als ob es gestern geschehen wäre. Am 22. Oktober 1999 ereignete sich im Andendorf Tauccamarca eine Tragödie. 44 Schulkinder hatten aus Versehen mit ihrer Schulmilch ein hochgiftiges Pflanzenschutzmittel eingenommen. 24 der Kinder starben, die anderen leiden bis heute an den Spätfolgen. Der Tathergang war schnell rekonstruiert: es war eine tragische Verwechslung von Milch- und Pestizidtüte. Der Inhalt der Tüte dagegen war brisant. Es handelte sich um das hochgiftige Paration. Und dieses Produkt wurde in Peru von der deutschen Firma Bayer vertrieben. Der Vertrieb und Verkauf waren nach der peruanischen Gesetzgebung legal - aber die Handhabung des Vertriebs wies einige Nachlässigkeiten auf. Die Paration-Tüten wurden auch in den Quechua-sprachigen Gebieten Perus nur in spanisch ausgezeichnet. Viele der Bauern in Dörfern wie Tauccamarca können ausserdem nicht lesen und schreiben. Das Paration wurde so locker vertrieben und verkauft, als ob es sich um Milchpulver handelte.
Die Opfer der Tragödie verklagten damals die Firma Bayer auf Schadenersatz. Die Klage wurde vom peruanischen Gericht aus formalen Gründen abgelehnt und Bayer hat nie eine Mitverantwortung an der Tragödie eingestanden. Die Eltern der toten Kinder warten bis heute auf eine Wiedergutmachung, sowohl vom peruanischen Staat wie von der Firma Bayer.

Ihr Fall ist einer von 20 Fällen, die vor das Tribunal der Völker gebracht wurde, das während des Alternativgipfels tagte. 20 multinationale Unternehmen europäischer Herkunft wurden wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt. Bayer befindet sich in guter Gesellschaft. Angeklagt sind u.a. die Schweizer Syngenta wegen ihres Umgangs mit Demonstranten in Brasilien; das norwegische Agroexportunternehmen Camposol wegen gewerkschaftsfeindlicher Politik in Peru; die spanische Erdölfirma Repsol wegen ihres Vorgehens gegen indigene Gemeinschaften in Argentinien, Ecuador und Brasilien.

Das Tribunal der Völker ist eine Initiative der italienischen Linken aus dem Jahre 1976, die damit die Tradition der Russell-Tribunale gegen den Vietnam-Krieg wieder aufgriff. Seitdem hat dieses inoffizielle Gericht vielmals getagt und moralische Urteile ausgesprochen, zuletzt in Bogotá zum Thema der Rechte der indigenen Völker in Kolumbien.
Zusammengesetzt ist das Gericht aus 5 europäischen Politikern und Aktivisten, sowie 7 Vertretern der lateinamerikanischen sozialen Bewegungen oder linker Parteien.
Vorsitzender des Gerichtes in Lima ist der belgische katholische Priester und emeritierte Soziologie-Professor Francois Houtart. "Sowohl der Alternativgipfel wie auch das Tribunal der Völker geben jenen eine Stimme, die auf dem Gipfel der Präsidenten nicht anwesend sind", meinte er auf unsere Fragen. Das Tribunal der Völker sei ein Meinungstribunal und erlasse moralische Urteile, die von der öffentlichen Meinung aufgenommen werden.
Was damit geändert werden könne ? "Natürlich können und sollen die Unternehmen ihre Praktiken ändern, aber im Grunde genommen geht es um die Logik des Systems, das die Natur und die Arbeit zerstört".
Besonders beeindruckt hat Francois Houtart der Fall der spanischen Erdölfirma Repsol. Sie ist in vielen lateinamerikanischen Ländern aktiv und hinterlasse überall die selben Probleme: Verschmutzung der Umwelt und Vertreibung indigener Gemeinschaften.

Das Gericht verurteilte denn auch das Verhalten der Unternehmen, welches von den Staaten und den internationalen Institutionen gedultet würde. Insofern fordert es die Staaten der Europäischen Union auf, verbindliche Verhaltensregeln von ihren privaten Unternehmen einzufordern.
Als konkrete Massnahme fordert das Gericht ausserdem, dass die UNO einen Sonderberichtserstatter zu Verletzungen gegen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte einsetze.

Victoriano Huarayo aus Tauccamarca hat zwei seiner Kinder durch den Unfall verloren. Tapfer hält er am Eingang der Technischen Universität sein Schild hoch, auf dem er die Firma Bayer dazu auffordert, ihre Verantwortung einzugestehen. Das Urteil des Tribunals der Völker ist ein kleiner Schritt hin dazu, dass sein Schicksal nicht vergessen wird.

viernes, 16 de mayo de 2008

Clima Latino

Manchmal könnte man meinen, der Präsidentengipfel und der Volksgipfel unterscheiden sich nur in Form und Farbe, aber nicht unbedingt in seinen Anliegen. Vom Klima zumindest wurde überall geredet.

Am Donnerstag morgen fand auf dem Gegengipfel das Forum "Für eine neue Umweltagenda" statt, eine von über 50 selbstorganisierten Veranstaltungen. Eingeladen dazu hatten dazu das bergbaukritische peruanische Netzwerk Red Muqui und das peruanische Umweltnetzwerk.
Unabhängige Experten und Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen machten Vorschläge zum Schutz der Umwelt. So sprach der Agrar-Ingenieur Jaime Llosa über den Klimawande,l und wie Peru sich darauf einstellen kann. Da die Tropengletscher in Peru aufgrund der Erderwärmung abschmelzen, wird sich der Wasserhaushalt grundlegend ändern. Welche Flusstäler werden zuerst viel Wasser - nämlich das Schmelzwasser der Gletscher - haben und danach austrocknen ? Wie wird sich die Wüstenmetropole Lima in Zukunft mit Wasser versorgen ? Jaime Llosa hatte sehr konkrete Vorschläge: die Inka und andere vor-koloniale Völker kannten ein ausgeklügeltes Wasser-Speichersystem. Wenn viel Regen fällt, wird dieser so lange als möglich gespeichert für die Trockentage. Über 40 alte Staudämme und Wasserspeicher seien heute inoperativ. Mit dem jetzigen Klimawandel wiürde dieses alte Wissen aktueller denn je. Wer dafür bezahlen solle ? "Wer den Schaden verursacht, muss ihn auch beheben", meinte Jaime Llosa dazu. Die Verursacher sind in diesem Fall die hochindustrialisierten Länder des Nordens mit ihrem hohen Energieverbrauch.

Das war auch Konsens bei einer ganz anderen Veranstaltung. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der peruanische Umweltbehörde und die staatliche peruanische Entwicklungsagentur APCI hatten zum Forum "Konsequenzen des Klimawandels für Lateinamerika und die Karibik" ins elegante Swissotel eingeladen. Nur geladene Gäste konnten die Polizeisperren passieren, im Swissotel war der rote Teppich ausgerollt. Nicht für uns, sondern für Angela Merkel, die auch hier abgestiegen war und die zu diesem sog. "side-event" des Gipfels angekündigt war (letztendlich aber nicht kam). Die Jeans hatten alle hier zu Hause gelassen. Bei diesen Veranstaltungen treten die Männer klassisch einförmig in Anzug und Krawatte auf - und die waren, zumindest auf dem Podium, hier unter sich. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zum Alternativgipfel: fast alle Gäste des Swissotels sahen europäisch - also weisshäutig - aus, während beim Alternativgipfel die indigenen Vertreter eine grosse Gruppe bildeten.
Abgesehen von diesen Unterschieden, war das Anliegen das gleiche wie an der Technischen Universität. Niemand stellt den Klimawandel in Frage und auch nicht, wer dafür in erster Linie verantwortlich ist: die hochindustrialisierten Länder. Der deutsche CSU-Abgeordnete Christian Ruck hatte vor allem ein Anliegen: den Erhalt des Amazonas-Regenwaldes, eine der grossen Lungen der Welt. Darein sollte ein grosser Anteil der Erlöse aus dem CO2-Handel fliessen.
Die anderen Referenten von der lateinamerikanischen Wirtschaftskommission CEPAL stimmten in ihrer Diagnose überein. Sie stellten die Auswirkungen des Klimawandels auf die Volkswirtschaften und vor allem auf die Ärmsten des Kontinents in den Vordergrund. José Luis Machinea, Generalsekretär der Wirtschaftkommission, brachte seine Erwartungen an die Europäische Union auf den Punkt: die Länder der EU sollten die selben umweltschonenden Technologien in Lateinamerika anwenden, wie sie dies bei sich zu Hause tun. Und sie sollten die Länder nicht mittels Auflagen zu mehr Umweltschutz zwingen, sondern vermehrte Anreize dafür schaffen. Die zugrunde liegende Spannung wurde nicht ausgesprochen: die Armen Lateinamerikas wollen auch an den Segnungen der Entwicklung teilhaben. Wenn die EU dagegen möchte, dass die lateinamerikanischen Länder ihre Natur erhalten, müssen sie Wege aufzeigen und Mittel bereitstellen, die Menschen aus der Armut zu führen, ohne die Umwelt weiter zu schädigen. Wie dazu ein Freihandelsvertrag zwischen EU und Lateinamerika beitragen kann - diese Frage blieben die Referenten schuldig.

Gegen-Gipfel





Während die Regierenden im abgeriegelten Nationalmuseum tagen, trifft sich das Volk auf dem Gelände der Technischen Hochschule in Lima. So zumindest steht es im Programm: Cumbre Social des los Pueblos - Sozialgipfel der Völker. Halt, die Gleichung geht nicht ganz auf. Sind doch die Staatsoberhäupter, die sich treffen, schon längst keine bösen Diktatoren mehr, sondern rechtmässig vom Volk gewählte Demokraten. Wer also ist dieses Volk, das sich da an der Technischen Uni ein Stelldichein gibt ? Es seien die Verlierer, sagte heute der peruanische Premier Jorge del Castillo im Fernsehen. Er meinte damit die Verlierer der letzten Präsidentschaftswahlen in Peru, vor allem der kleinen linken Parteien.Dabei liegt del Castillo nicht ganz falsch. An der Technischen Hochschule treffen sich diejenigen, die sich als Verlierer sehen bzw. den Anspruch erheben, deren Interessen zu vertreten. Allerdings nicht als Verlierer der letzten Wahlen, sondern als Verlierer des herrschenden Wirtschafts-Modells: Verlierer der Globalisierung, Verlierer des Freihandels, die Verlierer einer monokulturellen Modernisierungsstrategie. Die Verlierer, die es eigentlich in den Augen der peruanischen Regierung nicht geben dürfte. Die meint nämlich, dass dank des Freihandels und der grosszügigen Förderung von Auslandsinvestitionen Entwicklung und Wohlstand für alle eintrete.

Wer ist das nun konkret, die damit nicht einverstanden sind: Indianervölker aus ganz Peru; Dorfgemeinschaften aus Orten, an denen Gold abgebaut wird oder Erdöl gebohrt wird; globalisierungskritische Studierende aus Lateinamerika und Europa; Angehörige aller möglichen linker Splittergruppen; Frauenorganisationen; lokale und regionale Umweltschutzinitiativen; Frauen, die ihre selbst hergestellten Handarbeiten vertreiben; Gewerkschafter; Journalisten alternativer Medien; peruanische Nicht-Regierungsorganisationen und Vertreter europäischer Hilfswerke und Basisgruppen wie attac. Alles in allem ein recht buntes und mit 4000 eingeschriebenen Teilnehmern auch zahlreiches Volk. Bunt schon allein deswegen, weil die Vertreter der indigenen Völker in ihren Trachten erschienen sind. Bunt auch wegen der Fahnen, die allenthalben herumgetragen werden. Sei es die Wiphala, die alte Inka-Fahne, sei es eine Fahne mit der Ikone "Che" oder mit Sprüchen wie "Nieder mit dem Imperialismus". Besonders auffallend an diesem Gegen-Gipfel: die grosse Präsenz indigener Gruppierungen, von lokalen Initiativen, die die Wiederaufwertung ihrer indianischen Kultur fordern.

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie die Geschicke ihrer Länder nicht einfach ihren gewählten Vertretern überlassen wollen. Neu ist das nicht. Die sogenannten Gegen-Gipfel oder Alternativgipfel haben bereits Tradition. Kein Treffen von Regierungschefs, ohne Alternativgipfel und Demonstrationen. Pikant wird das ganze dann, wenn es Grenzgänger unter den Präsidenten gibt. Das ist in Lateinamerika der Fall: der bolivianische Präsident Evo Morales und sein venezolanischer Kollege Hugo Chávez pendeln regelmässig zwischen offiziellem und alternativem Gipfe hin und her. So auch beim Alternativ-Gipfel in Lima.
Während der linke Europa-Abgeordnete Helmut Markov auf einem Podium unter freiem Himmel die Lateinamerikaner dazu aufruft, ja kein Freihandelsabkommen mit der EU unterzeichnen sollen, wächst und wächst hinter ihm eine Menschenschlange. Männer, Frauen, Junge, Alte, ob es da was zu essen gibt ? Beileibe nein. "Wir stehen für das Fussballspiel an", erzählt Juan, der mit seinem Sohn gekommen ist. Um 6 Uhr ist nämlich ein besonderes Match angesagt: der bolivianische Präsident Evo Morales höchstpersönlich wird gegen die Altherren-Nationalelf Perus kicken. "Vor allem möchte ich ein gutes Match sehen", sagt Juan. Das Gerücht besagt, dass auch Maradona und vielleicht sogar Hugo Chávez mitspielen würden. Der spielt zwar nur Baseball, wird aber dennoch feste verteidigt: "Deine Kanzlerin Angela Merkel hätte ihn halt nicht angreifen sollen, sie hat sich nicht als Staatdame gezeigt", meint Juan zu den Ausfällen von Hugo Chávez gegen Angela Merkel.

Maradona kam übrigens nicht zum Match, Hugo Chávez auch nicht. Dennoch war Hochstimmung und Evo Morales brachte sogar einen Elfmeter ins Tor, bevor er wieder seine offizielle Inka-Leder-Jacke anzug und zum Präsidentengipfel fuhr, um seine Amtskollegen standesgemäss zu begrüssen.

jueves, 15 de mayo de 2008

Gipfelschwindel

Lima hüllt sich in sein frühwinterliches Grau. Kein Sonnenstrahl ist zu sehen, man blickt nur auf den Bauch eines Esels, wie der berühmte peruanische Dichter César Vallejo den bleischweren Himmel von Lima beschrieben hat. Gerade das richtige Gipfelwetter. Heute beginnt in Lima der alle zwei Jahre stattfindende EU-Lateinamerika-Gipfel. Grosser Aufmarsch am Flughafen Jorge Chávez in Lima. Gestern kam schon der polnische Premier und der EU-Kommissionspräsident an. Heute dann José Luis Zapatero aus Spanien, Evo Morales aus Bolivien, Cristina Fernández Kirchner aus Argentinien und noch sehr viel mehr Staatsoberhäupter aus Lateinamerika, der Karibik und der Europäischen Union. Ungekrönter Star ist Angela Merkel. Zum einen weil sie Zielscheibe eines medienwirksamen medialen Ausfalles des venezolanischen Präsidenten wurde. Und zum anderen, weil die Konkurrenz wegbleibt: weder Nicolás Sarkozy (und damit auch nicht seine Frau Carla Bruni), noch Gordon Brown aus Grossbritannien noch der frisch wiedergewählte Italiener Silvio Berlusconi kommen zum EU-Lateinamerikagipfel nach Lima. Angela Merkel ist mit ihrer 24-Stippvisite also der Star unter den EU-Staatsoberhäuptern.
Um über den Klimawandel, die Umwelt und die Bekämpfung der Armut zu sprechen, kommen sie nach Lima. Nur die Bewohner von Lima kriegen davon wenig mit. Sie wurden nämlich in Ferien geschickt, in ein verlängertes Wochenende, um das Treffen der Staatsoberhäupter nicht zu stören. "Ja, die Präsidenten kommen, um Peru kennenzulernen, unser tolles Land", erzählt mir mein Zeitungsverkäufer. Die junge Dame in der Internetkabine dagegen ist fest davon überzeugt, dass die Präsidenten diese Woche zum APEC-Gipfel kommen, also zum Gipfel der Pazifk-Anrainerstaaten. Der findet auch statt, allerdings erst 5 Monate später, im Oktober. " Ich schaue es rasch im Internet nach", sagt Katia vom Internet auf meinen Zweifel hin. " Ganz sicher, das ist der APEC-Gipfel", meint sie nach ihrer Google-Forschung danach im Ton einer Oberlehrerin. Ich belasse sie im Irrtum. Schliesslich hängt vor meiner Wohnung seit Monaten eine grosses Strassenbanner mit der Aufschrift "Willkommen APEC in Pueblo Libre". Kein Wunder, dass meine Nachbarn nicht wissen, was die Europäische Union hier will.
Letztlich sagt der Lapsus meiner Nachbarn, ebenso wie das fehlende Interesse der europäischen Medien an diesem Gipfel, sehr viel mehr als noch so wohlklingende Worte aus politischem Munde. Lateinamerika ist nämlich weder handelsmässig noch politisch für die Europäische Union eine Priorität; und auch für Lateinamerika ist in den letzten Jahrzehnten die USA und nun zunehmend China der wichtigste und dynamische Handelspartner. Mag dazukommen, dass die peruanische Regierung wenig öffentliche Werbung für den EU-Gipfel betrieben hat. Vielleicht weil der peruanische Präsident Alan García verstimmt ist, weil die EU seinem Wunsch nach einem bilateralen Freihandelsvertrag zwischen Peru und der EU bisher nicht nachgibt. Die EU verhandelt nur "en bloc". Im Fall Lateinamerika sind diese "Blöcke" allerdings widerspenstig oder eher Zwangsgemeinschaften. Der Mercosur, der die grossen Länder Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay und seit neuestem Venezuela umfasst, weigert sich, einen Freihandelsvertrag zu unterzeichen, solange die EU nicht ihre Agrarsubventionen senkt. Und der andere, viel kleinere Block, die Gemeinschaft der Andenstaaten, ist in erster Linie eine Nicht-Gemeinschaft. Die linken Regierungen von Bolivien und von Ecuador sind sich in ihren Ansichten über die Segnungen des Freihandels für ihre Völker spinnefeind mit den Regierungen von Kolumbien und eben des Gastgeberlandes Peru.

Die wirklichen Interessen Europas an Lateinamerika zeigen sich denn auch in diesen Tagen: das Klima macht´s. Lateinamerika besitzt einen grossen Regenwald, unterlässlich für den nicht zu rasanten Verfall des Weltklimas. Und Lateinamerika ist mit seinem hohen Wirtschaftswachstum inzwischen interessant für Auslandsinvestitionen. Da sind die Europäer, namentlich die Spanier, bisher gut vertreten. Wer ein Telefon in Peru in die Hand nimmt, ein Bankkonto eröffnet oder in Lima den Lichtschalter betätigt, weiss wovon ich spreche. Alles fest in spanischer Hand.

Klima und Geschäfte: das sind die Prioritäten des Gipfels und dort sind auch die neuen Interessen Europas am ansonsten so weit entfernten Lateinamerika zu finden.

Was der Alternativ-Gipfel "Sozialgipfel der Völker" dazu meint, das in meinem nächsten Blog-Eintrag.