jueves, 24 de enero de 2008
Entwicklungshilfe
Am Donnerstag waretet pünktlich ein schrottreif aussehendes Auto mit Chauffeur auf mich - José hiess der Sohn der Patientin, der mit seinen Geschwistern seit Tagen auf der Suche nach Rhesus negativen Blutspendern war. "Ein einziger Neffe hatte die gleiche Blutgruppe, und wegen einer Tätowierung haben sie ihn nicht akzeptiert. Ich hätte ihn schlagen können, in dem Moment", erzählt José von der Mühe, passende Blutspender aufzutreiben. Und wegen des Autos solle ich mir keine Gedanken machen, das würde uns schon hinbringen. Sein letztes funkelnagelneues Auto sei ihm gestohlen worden, da fahre er doch lieber die Schrottkiste.
Aber nicht davon will ich berichten. Sondern von unserer Autofahrt Richtung Nordlima. Ein Stau nach dem anderen bot uns Gelegenheit zu einem intensiven Erfahrungsaustausch. Deutsche sei ich also, meinte José. Er habe auch Deutsche kennengelernt, als er in den 80-er Jahren in der Personalabteilung der Stadt Lima arbeitete. Damals sei der linke Alfonso Barrantes Bürgermeister gewesen. Aber zurück zu den Deutschen. Einen Willi und noch jemanden, sehr nette sympathische Leute. Für die deutsche Entwicklungshilfe hätten sie die Stadt beraten, um die Abfallbewirtschaftung Limas neu zu organisieren. Ich bin erstaunt, davon hatte ich nie gehört. Mit der Abfallentsorgung macht Lima heute nicht viel her. Und, mal ganz ehrlich, hat das Projekt etwas gebracht ?, frage ich meinen Chauffeur. José schaut etwas verlegen drein, wie wenn er damit ringt, ob er mir jetzt die Wahrheit sagen oder sie doch lieber beschönigen soll, weil er mich nicht beleidigen will. "Also ehrlich gesagt, war das alles für die Katz. Zuerst waren die Entwicklungshelfer sehr engagiert, wollten vieles ändern. Aber als sie gesehen haben, dass sie nicht weiterkamen bei den verkrusteten Verwaltungsstrukturen, haben sich ihre Aktivitäten immer mehr in die Hotels des schicken Viertels Miraflores verlagert. " Gesprächsrunden und Cocktails, auf denen man über Abfallbewirtschaftung und Armutsbekämpfung geplaudert habe, hätten dann die eigentliche Arbeit auf der Gemeinde ersetzt. Zu den Veranstaltungen seien dann die Sekretärinnen geschickt worden, damit jemand von der Stadt teilgenommen habe.
Aber das sei vor zwanzig Jahren gewesen, damals sei er auch noch Kommunist gewesen. Wie seine Mutter, die jetzt das Blut braucht. Die war Näherin in einer Fabrik und engagiertes Gewerkschaftsmitglied. Er, José, habe schon lange dem Kommunismus abgeschworen und glaube an den freien Markt. Ich solle mir doch nur das Angebot in den Kaufhäusern anschauen, die auch in den Armenvierteln nun aus dem Boden spriessen. Das habe es in den 80-er Jahren nicht gegeben. Ob es ihm selbst denn auch besser gehe ? Nein, er merke noch nicht viel davon , aber die Entwicklung brauche eben Zeit, das würde schon noch kommen.
miércoles, 16 de enero de 2008
Wunschmarkt - Feria de los Deseos




Das Neue Jahr 2008 habe ich mit einem Rundgang durch die „Feria de los Deseos“ begonnen - den Markt der Wünsche. Jedes Jahr nach Weihnachten kommen „Curanderas“ von den Hochanden nach Lima und bieten auf dem „Markt der Wünsche“ ihre Dienste an. Eine „Curandera“ ist eine Kräuterfrau, Heilkundige und Schamanin. Das Dienstleistungsangebot der Schamaninnen ist gross: sie lesen Dir die Zukunft aus Koka-Blättern oder vertreiben ein Trauma oder eine Krankheit dadurch, dass sie ein Ei über Deinen Körper streichen. Auch ein Meerschweinchen oder ein Gürteltier erfüllen diese Funktion: sie ziehen die schlechten Energien und Krankheiten vom Menschen ab. Als Schutz und Abwehr von zukünftigem Übel soll man sich mit einem Sud aus Heilblüten waschen, oder man kauft sich eines der unzähligen Amulette, die feilgeboten werden. Es gibt Amulette gegen und für alles: zum
Beim „Markt der Wünsche“ in Lima vermischen sich altes Heilwissen mit Kommerz und billigem Aberglauben. Dahinter steckt jedoch eine alte Weisheit der Andenvölker: eine Krankheit ist selten nur körperlich bedingt, sondern ist durch ein Trauma oder einen Übeltäter ausgelöst. Als ich die Schamanin frage, ob sie den Husten eines 4-jährigen Mädchens kurieren kann, schaut sie mich verständnislos an: „ Sie meinen, ob man den Schrecken heilen kann“ – ein Husten ist eben nicht einfach ein Husten, sondern ein sichtbarer Ausdruck von etwas, was in der Seele nicht stimmt – und dies wiederum kann durch ein Trauma von aussen verursacht sein. Deswegen muss die Schamanin das Trauma wegnehmen. Vieles von der andinen Heilkunst würden wir heute unter dem westlichen Begriff „Psychosomatik“ fassen.
Aber das wichtigste ist der Glaube: so wie auch die Mutter Gottes in Lourdes nur denen hilft, die an sie glauben, so wird auch die andine Heilkunst nur denen helfen, die nicht von zuviel westlicher Skepsis befallen sind.
(aus meinem Rundbrief El Puente 12)lunes, 24 de diciembre de 2007
In der Umweltküche des Bischofs

Pedro Barreto, der katholische Erzbischof von Huancayo, muss seinen Kaffee nun woanders trinken. Die Küche des Erzbistums dienst nämlich seit einigen Monaten als Labor für Umweltmessungen. Statt Kaffeepulver findet man in den Küchenschränken nun Döschen mit Bodenproben und Tüten mit allerlei Pülverchen, die ich lieber nicht für die Zubereitung von Essen verwenden würde. Im Kühlschrank stehen Reagenzgläser mit Wasserproben und andere Mittelchen. Die Präzisionswaage daneben soll sogar ein leichtes Erdbeben aushalten, ohne dass sie dekalibriert. Alles in allem ein Labor, wie man es in Universitäten, Forschungsinstituten oder Umweltbehörden erwarten würde. Wie aber kommt es in die Küche des Bischofs ?
Das ist eine lange Geschichte. Aber sie fängt so an, dass in der Sierra Central, also den Zentralanden, direkt westlich von der Hauptstadt Lima gelegen, seit langen Jahren Erze abgebaut werden: Blei, Zink, Silber , Kupfer - alles was das Herz, und vor allem was die Fabriken in China, Japan und Europa brauchen, um die Welt mit ihren Konsumartikeln zu beliefern. Da die Metallpreise momentan sehr hoch sind, lohnt es sich auch noch, aus sehr verunreinigtem Erz die Edelmetallanteile herauszuschmelzen. Und dies geschieht in einer alten Metallschmelze im Ort La Oroya, auf halbem Weg zwischen Lima und Huancayo gelegen. Im Jahr 1922 wurde die Schmelze gebaut und seitdem bläst sie Gift in die Luft von La Oroya. Mit der Folge, dass die Kinder von La Oroya - dort wohnen immerhin über 30 000 Menschen - bleiverseucht sind.
Als Bischof Barreto vor gut 4 Jahren sein neues Amt antrat und La Oroya besuchte, spürte er am eigenen Lieb, wie die Schwefeldämpfe sich in seinen Lungen festsetzten und wie er vor lauter Husten kaum zum Sprechen kaum. Da der peruanische Staat bis jetzt nicht dazu zu bewegen ist, seine Mitbürger in La Oroya vor dem Giftausstoss zu bewahren, in dem er die umweltverträgliche und teure Aufrüstung der Schmelzhütte einfordert, hat Erzbischof Barreto im Namen der Kirche und des Evangeliums gehandelt. Seitdem messen Biologen, Umweltingenieure und Chemiker im Auftrag der Kirche die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden - um damit gesicherte, unabhängige Daten zur Hand zu haben, die nicht geleugnet werden können.
"Wenn der Staat diese Messungen macht, dann nimmt ihnen niemand hier die Resultate ab, weil sie meinen, dass der Staat mit der Fabrik unter einer Decke steckt ", sagt Paula Meza, die Leiterin des Labors. "Wenn die Messergebnisse von der Kirche kommen, haben sie mehr Glaubwürdigkeit".
Und aus genau diesem Grund wird Erzbischof Barreto auch weiterhin seinen Kaffee woanders trinken und seine Küche als Umweltlabor zur Verfügung stellen.
jueves, 1 de noviembre de 2007
Tanz auf dem Grab
Für Edmundo León, der heute 60 geworden wäre, und der heute sicher in seinem Grab mitgetanzt hat
José M. Cartagena hat nur zwei Tage gelebt. Dies steht auf derTafel über seinem Grab. Jemand hat ein paar frische Blümchen zwischen die Steine gestellt, zum Gedenken an das "Engelchen", wie verstorbene Babies genannt werden.
Rings um das Grab von José M. Cartagena ist heute buntes Treiben. Es ist der 1. November in Lima, Allerheiligen, und die Migranten aus den Anden besuchen an diesem Tag ihre Verstorbenen auf dem Friedhof. "Nueva esperanza" - "Neue Hoffnung" heisst das Viertel weit ausserhalb Limas. Hier ruhen die Armen und Ausgestossenen, jene, die in der peruanischen Gesellschaft nicht anerkannt werden; hier, wo keine künstliche Bewässerung für grünen Rasen für die letzte Ruhe sorgt, sondern wo die Natur Limas unbeschönigt ihr Gesicht zeigt: karg, sandig, grau, wüst. An jenem 1. November ist der Friedhof von Nueva Esperanza dennoch voller Leben. Ganze Familien kommen hierher, um ihre Toten zu besuchen. Sie bringen ihnen Essen und Trinken mit, sogar Musik und Tänze. Um jedes Grab scharen sich Familienangehörige, lassen die Bierflasche kreisen und packen die vorgekochten Schmankerln aus. Vorzugsweise die Gerichte, die der oder die geliebte Verstorbene am liebsten hatte. Die Familie vor mir hat "nur" Bier mitgebracht. "Wir kommen hierher wegen unserer Grossmutter. Vor 17 Jahren ist sie schon gestorben", erzählt mir ein bereits leicht angetrunkener José.
Aber bevor mit den Verstorbenen getrunken und gegessen wird, muss ihre letzte Wohnstätte repariert und dekoriert werden. Farbeimer und Pinsel sind überall im Einsatz, Blumen werden herangeschleppt, Mauern für Mausoleen hochgezogen oder neu angestrichen. Die Toten sollen an ihrem Tag ein schönes Zuhause haben. Da ist für den einen oder anderen sogar ein kleiner Nebenverdienst drin, so wie für Wolfgang (er heisst tatsächlich so), ein junger Mann aus der Nachbarschaft, der seit ein paar Tagen mit dem Anstreichen von Gräbern sein Geld verdient. Gegen Nachmittag strömen immer mehr Leute auf den angeblich grössten Friedhof Lateinamerikas, der sich über mehrere Hügel erstreckt. Karrussels, Essens- und Verkaufsstände machen Allerheiligen zu einem Volksfest. Das es ja schliesslich auch ist - ein Fest mit den toten Angehörigen, das selbst die allertotesten Sinne wieder erweckt. Vor einigen Gräbern spielen ganze Musikkappellen die Lieblingsweisen der Toten und Lebenden. Sogar ein Scherentaenzer - ein "Danzante de Tijera" - samt Harfenspieler tanzt auf dem Grab seiner Grossmutter aus dem Departament Huancavelica. Der Scherentanz ist ein ganz besonderer Tanz, die männlichen Tänzer müssen Eingeweihte sein, es ist eine Art Schamanentanz, der sich dadurch auszeichnet, dass die Tänzer mit einer Schere in den Händen zum Rhythmus klappern, während sie akrobatische Sprünge vollführen. Ob die Oma im Grab das Scherenklappern wohl gehört hat ? Wenn nicht, dann lockt sie vielleicht der Duft des guten Essens, das auf ihrem Grab abgestellt wird. Neben den Liebslingsspeisen der Toten stehen da Brote in Kinderform - die sogenannten Tánta - Wawas - Blumen, Obst, Süssigkeiten und natürlich Bier, Kola und billiger Wein. Gegen Nachmittag, wenn das Essen ausgepackt und schon mehrere Bierflaschen herumgegangen sind, wird die Atmosphäre mehr als feucht-fröhlich.
Ob die Besucher des Friedhofs wohl auch beten für ihre lieben Toten ? In all dem sinnenfrohen Trubel, in den sich auch die eine oder andere Träne um einen jüngst Verstorbenen mischt, geht mir die Erinnerung an das, was wir in Europa Pietät vor den Verstorbenen nennen, vergessen. Dafür schleicht sich ein anderer Gedanke ein: wenn dereinst auf meinem Grab so viel getanzt, gegessen und gefeiert wird wie heute in Nueva Esperanza, dann ist der Tod vielleicht gar nicht so schlimm.
martes, 16 de octubre de 2007
Der Schutzengel von Chincha

Schwester Gloria Muchaypinha lächelte mir zum Abschied noch aufmunternd zu, bevor sie sich um 8 Uhr morgens wieder der Verteilung der Lebensmittel für die Erdbebenopfer widmete. Hier in Chincha, gut 3 Stunden Busfahrt südlich von Lima, hatte das Erdbeben vom 15. August schwere Schäden hinterlassen, und die Schwestern der Pfarrei "Virgen de Fatima" organisieren nicht nur die Verteilung der Hilfsgüter, sondern sprechen auch den Opfern Mut zu, organisieren Jugendgruppen ebenso wie Notküchen. Am Tag zuvor hatte ich Schwester Gloria bei ihrer Arbeit begleitet, um über die Nothilfe der Kirche berichten zu können, und nun war ich auf dem Weg ins 20 km entfernte Pisco, dem Epizentrum des Erdbebens, um den dortigen Pfarrer zu interviewen. Auf dem Markt von Chincha wartete schon der Bus, ein heruntergekommenes, grünes Gefährt, das bereits gut gefüllt war mit Passagieren. Um so besser, denn das bedeutete, dass der Bus gleich losfuhr. Ich ergatterte einen Sitz im hinteren Viertel des Busses, und warf noch einen kurzen Blick auf die zwei Reihen Männer hinter mir, die mich ausdruckslos anstarrten. Eine "Gringa", also eine europäische oder nordamerikanische Ausländerin, ist auf dieser Route und in diesem Bus nicht oft anzutreffen. Vom Bus aus rief ich vom Handy den Pfarrer in Pisco an, dass ich etwas später eintreffen würde. Und dann waren meine Gedanken und Sinne auch schon ganz von dem Panorama eingenommen, das ich durch das Busfenster erblickte: eingestürzte Häuser, handgeschriebene Schilder mit der Aufschrift "Notküche", Schutthaufen, all dies Anzeichen für die Wucht des vor zwei Monaten erfolgten Erdbebens. Ab und zu tastete ich nach meinen Siebensachen. Als erfahrene Perureisende habe ich meinen Rucksack auf den Knien, und meine Wertsachen - Kamera, Geld, Ausweise und Handy - in den Innentaschen meines Anoraks verstaut. Diebstahlsicher. Nach rund 15 Minuten Fahrt werde ich aus meinen Gedanken gerufen:"Senhora, schauen Sie nach, ob Ihre Sachen noch da sind", ruft mir der Fahrgast hinter mir zu. Meine erste Reaktion- "unmöglich, dass man mir was klaut" -, macht gleich danach dem Entsetzen Platz: meine funkelnagelneue 12-Millionen-Pixel-Kamera ist nicht mehr in der Innentasche. Und mein Sitznachbar ist auch weg. Mit meiner Kamera. "Halten Sie an", schreie ich dem Chauffeur zu und stürze zum Ausgang. Andere Fahrgäste hinter mir her. Der Bus hält, wir stürzen heraus und nehmen die Jagd auf. Ich habe den Dieb nicht gesehen, aber die Fahrgäste hinter mir sehr wohl. Es sind junge kräftige Männer und sie holen schnell einen dicklichen Mann ein. Dann sehe ich aus 100 Meter Entferung, wie einer der Männer in einer Hand mit einer Pistole herumfuchtelt, und in der anderen meine Kamera hat. Als ich die Gruppe erreiche, kommt mir der Diebesjänger entgegen. Er hält immer noch die Pistole in der Hand, auf mich gerichtet, und im ersten Moment glaube ich, er wolle von mir nun eine Belohnung oder was auch immer erpressen. "Hier ist Ihre Kamera. Ich bin Polizist, auf dem Weg zu meiner Arbeit", löst er das Rätsel . Der Bus ist inzwischen umgekehrt und sammelt uns - eine Gruppe von rund 6 Fahrgästen - wieder auf und die Fahrt geht weiter wie gehabt. "Der Dieb hat sich verdächtig benommen, und als er Sie am Handy sagen hörte, dass Sie eine ausländische Journalistin seien, er dachte , da gäbe es was zu holen", erklärt mir der Polizist.
Ich bedanke mich überschwenglich bei meinen Schutzengeln und wir erreichen ohne weitere Zwischenfälle Pisco, wo ich meine Interviews und Fotos mache. Auf dem Rückweg halte ich noch im Dorf San Clemente. Dort wollen Maria, eine Radiojournalistin aus Pisco und ich, den hiesigen Pfarreirat über ihre Notfallhilfe interviewen. Wir steigen vor der Polizeistation aus und fragen dort nach dem Weg zur Notküche. "Woher kommen Sie ?", fragt plötzlich ein Polizist, der abseits stand und zugehört hatte. Es war niemand anderes als mein Schutzengel-Polizist vom Morgen, nun in Uniform, deshalb hatte ich ihn nicht gleich erkannt. Maria wollte gleich ein Interview mit ihm machen, und es im Radio als Beispiel für einen "guten" Polizisten bringen. Der Polizist winkte ab. Das könnte ihm bei seinen Oberen mehr Ärger bereiten, weil er keine Anzeige gegen den Dieb erstattet habe. Wie er denn heisse, fragte ihn Maria. "Muchaypinha", sagte er. Bei mir klingelte es, als ich den Namen höre..... ob er etwas mit Schwester Gloria Muchaypinha in Chincha zu tun habe, frage ich ihn. Natürlich, sagt er, das ist meine Schwester. Ob ich sie denn auch kennen würde ?
domingo, 9 de septiembre de 2007
Erdbeben in Peru
Als am Mittwoch, den 15. August in Peru die Erde bebte, befand ich mich in Bolivien bei einem Treffen von Schweizer Nicht-Regierungsorganisationen. Erst am nächsten Tag hörte ich im Radio, dass ein Erdbeben in Lima und Ica viele Opfer gefordert hatte. Drei Tage später, schon wieder in Lima, erzählten mir alle Freunde und Bekannten, was sie zum Zeitpunkt des Erdbebens gemacht hatten, und dass die 3 Minuten des Bebens ewig erschienen. Die Älteren erinnern sich, dass das letzte Mal vor über 30 Jahren die Erde sich so stark bewegt habe. Die Leute aus Lima unterscheiden zwischen den „Temblores“ – einem leichten Erdbeben, derer es jedes Jahr mehrere gibt – und einem „terremoto“, einem starken Erdbeben. Das Erdbeben vom 15. August war ein „terremoto“, kein „temblor“.
domingo, 5 de agosto de 2007
Flugangst

Wer sie nicht hat, der wird sie als Paranoia abtun. Ein Fall für die Psychos. Wer jedoch meint, dass der Mensch nicht dazu gemacht ist, in eine Metallröhre gezwängt die Schwerkraft zu überwinden, weiss sofort, wovon ich spreche: der Flugangst. Man kann sie im Zaum halten, fast auf null zurückfahren, sie mit allen möglichen Argumenten verleugnen (z.Bsp. den altbekannten Statistiken vom Flugzeug als sicherstes Verkehrsmittel) - alles nur Mumpitz. Einmal gekannt, lauert sie im Hintergrund und wartet nur auf eine Gelegenheit, sich in Deinem Gehirn seinen Platz zurückzuerobern.
So wie vor einigen Wochen, als ich von Juliaca nach Lima flog. Fragt mich nicht, wie oft ich die einstündige Strecke schon geflogen bin, von der Stadt auf 4000 Meter am Titicacasee, bis in die Hauptstadt Lima. Zehn Mal dürfte nicht übertrieben sein. Jedes Mal ist mir unwohl dabei. Dieses Mal erinnert mich der Taxifahrer, der mich von Juliaca an den 3 Kilometer ausserhalb liegenden Flughafen bringt, daran, dass Fliegen nicht ungefährlich ist. Das Haus, in dem er mich in Juliaca abholt, wurde von einem Schweizer Priester gebaut, der vor gut 20 Jahren bei einem Flugzeugabsturz in Juliaca ums Leben kam. Ob ich die Geschichte kenne, fragt mich der Taxifahrer. Ich nicke und spüre eine morbide Neugier. Nackt, haetten die Leute damals den abgestuerzten Padre Conrado aufgefunden, weil vorher noch Leichenfledderer gekommen seien und ihn seiner Habseligkeiten beraubt hätten, erzählt mir der Taxifahrer voller Süffisanz. Normalerweise sind das die interessanten Stories, aber dieses Mal denke ich nur daran, ob das nun ein gutes oder schlechtes Omen für meinen Flug ist, wenn man bei der Hinfahrt schon über Flugzeugabstuerze spricht.
Im Flughafen selbst dann die Ansage, dass der Flug nach Lima überbucht sei, und dass jedem, der freiwillig zurücktritt, 100 Dollar Belohnung geboten werden. In meinem Kopf machen sich die Gedanken selbständig: war nicht das Flugzeug, das damals abstuerzte auch überfüllt, und hat nicht der Pater Conrado darauf bestanden, auf dem Notsitz mitfliegen zu dürfen ? Und überhaupt, was macht die Fluggesellschaft, wenn niemand zurücktritt und das Flugzeug zu schwer wird ? Mögliche Horrorszenarien mischen meine Phantasie auf. Bereden kann ich die mit niemandem. Die mich umgebenden Touristen aus Korea und USA bekleidet mit Alpacapullovern und bepackt mit bunten Lamataschen, scheinen das Fliegen so normal zu finden wie ich das Fahrradfahren. Da erblicke ich ganz hinten ein bekanntes Gesicht: einen katholischen Bischof, mit dem ich schon des öfteren zu tun hatte. Ob er auch Angst vor dem Fliegen habe, frage ich ihn. Keineswegs, meint er, diese Maschinen seien total sicher, und überhaupt glaube er an die Technik. An die Technik glaube ich zwar nicht, aber sehr wohl an einen Gotteshandel: wenn der Gottesmann im Flugzeug sitzt, dann lässt Gott dieses ja wohl nicht abstuerzen. Sozusagen eine kleine Garantie mehr, dass wir heil über die Anden kommen.
Als ich als eine der letzten durchs Gate gehe, frage ich mich, ob dies nun mein letzter Gang auf Erdenboden ist, bevor ich ins Flugzeug einsteige. Ich bekomme einen Platz neben einem jungen, in sich versunkenen Touristenpärchen aus den USA. Der Bischof nimmt ein paar Reihen vor mir Platz und winkt mir noch aufmunternd zu. Vor mir klappt ein Bildschirm auf und zeigt die Sicherheitsvorrichtungen. Wenn von den aufblasbaren Schwimmwesten unter dem Sitz die Rede ist, muss ich fast lachen: was helfen die mir, wenn ich über einem 6000 Meter hohen Gletscher abstuerze ? Zerschollen zwischen Felsen und Kondoren. Das Flugzeug hebt ab, die Motorengeräusche hören sich normal an. Oder doch nicht ? War da nicht gerade ein Stottern im Motor ? Der Offizier eines Frachtschiffes sagte mir mal, im Gegensatz zum Flugzeug, könne man ein Schiff auch unterwegs reparieren. Wie wahr dies ist.....
Die Stewardessen, junge Peruanerinnen mit einem mechanischen Lächeln, geben mit keiner Geste oder auch nur einem Blinzeln zu erkennen, ob es Grund zur Beunruhigung gibt oder nicht. Der Captain sagt durch, dass wir nicht direkt nach Lima fliegen, sondern in Cusco zwischenlanden. Oh Gott, Cusco ist mein absoluter Horror-Flughafen. Schon sinkt das Flugzeug durch die Wolken hindurch genau auf einen Berg zu. Dann umfliegt es den Berg in einem Achter und ich bin überzeugt, dass dieses Mal das Flugzeug am Berg zerschellt. So nah an den Bergen herumzufliegen. Innerlich bin ich schon schweissgebadet. Auf einmal stabilisert sich der Flieger und die Landebahn taucht vor uns auf. Nochmal Glück gehabt...... ich atme auf. Dieses Mal sollte es doch noch nicht sein..... .
PS: Schon einen Tag später, wieder sicher auf dem Boden in Lima, kommen mir meine aufgezeichneten Gedanken absurd und lächerlich vor. Wie konnte ich mich da nur so reinsteigern ? Drei Tage später erzählen mir zwei Bekannte - anerkannte, seriöse Juristen mit Jackett und Krawatte - dass auch sie beim Fliegen schweissgebadet auf jedes Geräusch des Flugzeugmotors achten. Woran sie denn litten, frage ich . Die Antwort ist längst klar: Flugangst