lunes, 4 de abril de 2011

Wahlen Peru 3: Ollanta und der Kardinal

28. März 2011

Endlich wird es spannend. Während sich der limenische Sommer dem Ende zuneigt, wird es im Rennen um die Präsidentschaftswahl am 10. April nochmal richtig heiss.

Nachdem es wochenlang danach aussah, als ob Alejandro Toledo auf jeden Fall in die zweite Runde kommen würde, und Ollanta Humala und Pedro Pablo Kuczynski (auf Grund seines für Peruaner unaussprechlichen Namens nur PPK genannt) weit abgeschlagen waren, ist 2 Wochen vor den Wahlen wieder alles offen. Die letzte Umfrage von Datum S.A. sieht Toledo mit 19,4% knapp vor Ollanta Humala und PPK mit 17,6% der Stimmen. Keiko Fujimori, die Tochter des einsitzenden Ex-Präsidenten Alberto Fujimori, folgt mit 16,1%, der vormalige OB von Lima, Luis Castañeda, dicht dahinter mit 15%.

Zum einen ist dies ein guten Zeichen: Endlich könnte über Inhalte geredet werden. Denn der Links-Kandidat Ollanta Humala und der als Vertreter der Wirtschafts-Elite angesehene PPK vertreten ursprünglich antagonistische Positionen, auch wenn beide Kandidaten mit sozialdemokratisch eingefärbten Diskursen erkenntlich um die Mitte buhlen. Ein heisses Thema könnte und müsste die Regulierung und Besteuerung der mächtigen Bergbaukonzerne mit ihren für sie sehr günstigen Steuerverträgen und laxen Umweltauflagen werden.

Könnte: Denn die Kandidaten und ihre medialen Sprachrohre bringen sich mit wahltaktischen Überlegungen schon in Stellung für die zu erwartende Schmutzkampagne.

Der erste war Ollanta Humala: Am 21. März überraschte er samt Ehefrau Nadine mit einem Coup. Eben hatten sie mit dem höchsten Würdenträger der katholischen Kirche in Lima, dem Opus-Dei-Kardinal Juan Luis Cipriani gefrühstückt. "Wir sind eine konservative katholische Familie", betonte Ollanta, und dass die Ehe zwischen Mann und Frau die einzige sei. Seine Worte bekräftigte der Kandidat demonstrativ mit einem Rosenkranz in seiner Hand, wie um zu sagen, dass er vor jeder Wahlkampfveranstaltung ein Ave Maria beten und um den Segen des Kardinals bitten würde.


Ollanta und Nadine Humala nach ihrem Besuch bei Kardinal Cipriani

Dass der rechte Opus-Dei-Kardinal, der sich immer wieder in die Politik einmischt, gerade den linksnationalistischen Humala dermassen mit seiner Gunst segnet, versteht nur, wer die Anweisungen aus dem Vatikan kennt. Die Wirtschaftspolitik ist in den Augen des Vatikans letztlich zweitrangig. Die richtigen Geschütze fährt sie erst auf in den Themen Abtreibung und Homo-Ehe.

Da kennt der Vatikan kein Pardon, und jeder Kandidat , der die hierzu restriktive Gesetzgebung in Peru auch nur etwas aufweichen möchte (wie dies Alejandro Toledo angetönt hatte) , wird von der katholischen Kirche gnadenlos und mit allen Mitteln ins Visier genommen. Humala wollte sich hier schon mal vorsorglich absichern, könnte man meinen. Man könnte aber auch glauben, dass Ollanta Humala wirklich meint, was er sagt. Immerhin stammt er aus einer Familie, die dem Kardinal gefallen dürfte. Ollantas Mutter Elena hatte vor 5 Jahren im Wahlkampf lautstark verkündet, dass alle Homosexuellen erschossen werden sollten.

PPK dagegen steht vor der schweren Aufgabe eines jeden Politikers, seinen Versprechungen Taten folgen zu lassen. Normalerweise muss das ein Politiker erst tun, wenn er einmal gewählt ist. Bei PPK ist das anders, er muss vorher zeigen, ob er hält, was er verspricht. Grossspurig hatte PPK angekündigt, dass er seine US-amerikanische Staatsbürgerschaft - PPK ist Doppelbürger - aufgeben würde, um Präsident zu werden. Bisher hat er dies nicht getan.

Der Wahlkampf würde ihn so sehr in Anspruch nehmen, dass er keine Zeit habe, die entsprechenden Formulare auszufüllen, sagt der Kandidat, der wegen seiner Effizienz und seiner Honorigkeit als Wirtschaftsmanager gewählt werden möchte. Ob PPK noch vor dem 10. April die Zeit finden wird, die dementsprechenden Formulare aufzufüllen ? Davon könnte für ihn die Präsidentschaft abhängen. Den Peruanern ist nämlich in guter Erinnerung was ein Präsident mit Doppelbürgerschaft anrichten kann. Alberto Fujimori hatte sich 2000 ins Land seiner Eltern, nach Japan, abgesetzt. Dank seiner japanischen Staatsbürgerschaft hat ihn Japan nicht ausgeliefert.

Eine ist bisher recht unbeschädigt im Wahlkampf. Die ewig lächelnde Keiko Fujimori, die Tochter des eben desselben Präsidenten. Aber zu Keiko mehr im nächsten Post.

Wahlen Peru 2: Der Gringo

1. März 2011

Er bevölkert seit Wochen meine Facebook-Seite. Und ruft mich per Telefon an, ich solle ihm meine Stimme geben. Heute steht mein ungebetener Freund nun vor mir, und ich kann mir kaum jemanden vorstellen, auf den Facebook- und Telefonmarketing weniger passt denn auf Pedro Pablo Kuczynski, auch PPK genannt. Steif kommt er daher und heute zumindest sieht man ihm jedes seiner 72 Jahre an. Vielleicht liegt es an der Grippe, die ihn gestern im Bett hielt, wie er betont. Oder aber auch an den mickrigen 6% der Wählerstimmen, die ihm die jüngste Umfrage bescheinigt.

Pedro Pablo Kuczynski ist der älteste Kandidat, der um die peruanische Präsidentschaft ins Rennen geht. Auch der politik-erfahrenste. Ende der 60-er Jahre war er Perus jüngster Zentralbankpräsident, in den 80-er Jahren war er Energieminister unter Belaunde Terry, von 2000-2005 unter Alejandro Toledo sowohl Finanz- wie auch Premierminister. Wenn er nicht gerade ein politisches Amt in Peru begleitete, amtete er bei Weltbank, IWF und diversen weiteren Banken in den USA. Dort hat er auch die nordamerikanische Staatsbürgerschaft angenommen, was bei gar so manchem Peruaner nicht gut ankommt. Das wusste auch Kuczynski - und hat sich für sein Wahlbündnis "Alianza para el Gran Cambio" beliebte Provinzpolitiker sowohl von links wie von rechts ins Boot geholt, von Yehude Simon aus Chiclayo bis zu Máximo San Román in Cusco und dem evangelischen Pastor Humerto Lay.

PPK steht im Ruf, gut zu sein. Zu wissen, wie man erfolgreich wirtschaftet. Zumindest verkauft er sich als solcher und hat manchen, die nicht aus der liberalen Ecke kommen, doch einigen Respekt abgenötigt. Ob er der Trumpf ist, der insgeheim Sympathien sammelt, die sich erst in der Wahlurne zeigen ? Ist er der Kandidat des "voto escondido" , den alle abgeschlagenen Kandidaten beschwören ?

Um es vorwegzunehmen: der PPK , der sich heute der Auslandspresse stellt, reisst mich nicht vom Hocker. Seine Rezepte klingen nach verstaubter Sozialdemokratie. Das mag für einen alten Neoliberalen wie PPK ein erstaunlicher Wandel sein, aber passen sie auf das heutige Peru ? Berufsschulinternate möchte er einführen, nach deutschem Vorbild, damit ein Esprit de Corps unter Technikern entsteht. Sogar eine Arbeitslosenversicherung für neue Arbeitnehmer. Formalisierung der Arbeitsverhältnisse, ein langsames Ansteigen des Mindestlohnes und Modernisierung sind sein Credo. Und wenn mehr Leute Steuern bezahlen, könne man diese auch senken. Investitionen in Bildung - wie sie alle Kandidaten versprechen. Das Wirtschaftswunderland Peru soll sich jetzt auch moderne Strukturen zulegen. Ganz falsch klingt das ja nicht.


Spannend wird es bei der Frage, ob die Bergbauunternehmen nun mehr Steuern zahlen sollen. PPK hatte sich immer dagegen ausgesprochen. Nun kommt er ins Überlegen: in den nächsten fünf Jahren würden einige Steuerverträge auslaufen, dann sollten die Unternehmen ihre Royalties - Lizenzgebühren - bezahlen, das würde ihre Steuerlast von 33 auf 42% heben. Ein interessanter Vorschlag für einen ehemaligen Neoliberalen.

Bei den Megaprojekten und Investitionen möchte er aber dann doch das Volk außen vor halten. Die lokale Bevölkerung sei schlecht informiert, um wirklich über Großprojekte von nationaler Bedeutung abstimmen zu können. Und mit den Brasilianern hat es PPK auch nicht. "Lyrisch" seien ihm die Verträge mit den Brasilianern immer vorgekommen. Viel schöne Worte und wenig Konkretes. So sei auch das Energieabkommen Peru-Brasilien zu bewerten. Ob er sich da bei der neuen Hegemonialmacht Brasilien nicht etwas verrechnet? 72 Jahre Fixierung auf die USA machen vielleicht blind für die aktuellen machtpolitischen Veränderungen, die auf dem Kontinent ablaufen.

Überhaupt läuft die Kampagne für ihn nicht so, wie er es sich gedacht hatte. Bei 6% dümpelt er dahin, während sein ehemaliger Chef Toledo, dessen Regierung er, PKK, die nötige Portion Disziplin verlieh, wie er en passant vermerkt, unangefochten an erster Stelle steht. Da hilft ihm auch der Bestseller-Autor und Motivationstrainer Miguel Angel Cornejo aus Mexiko bisher nicht, der mit ihm zum Stimmenfang durchs Land tourt . "Aber die Leute sind ja nur aufs Fernsehen fixiert", lamentiert PKK. An jenem Morgen scheint es, als ob Miguel Angel Cornejo erst mal den Kandidaten selbst neu motivieren muss.

Wahlen Peru 1: Todos vuelven ....... Respektlose Bemerkungen zu den peruanischen Präsidentschaftskandidaten

25. Februar 2011

Alle kehren zurück, beginnt ein bekanntes peruanisches Lied. Der Titel könnte auch für die Wahlkampagne 2011 stehen. Auf der politischen Bühne machen sich die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen am 10. April bereit, und, siehe da, es sind alles alte Bekannte: Alejandro Toledo, peruanischer Präsident 2001-2006; Ollanta Humala, der 2006 die Wahlen knapp gegen Alan García verloren hat; Luis Castañeda, bis vor kurzem Bürgermeister von Lima; Keiko Fujimori, die Tochter des verhafteten ExPräsidenten Alberto Fujimori, sowie Pedro Pablo Kuczynski, Wirtschafts- und Premierminister in der Toledo-Regierung: sie alle wollen am 10. April von den Peruanerinnen und Peruanern gewählt werden.

Die besten Chancen hat gemäß den Umfragen Alejandro Toledo. Er hatte sich vor 10 Jahren um die Rückkehr Perus zur Demokratie verdient gemacht, hat Fujimoris liberales Wirtschaftsprogramm weitergeführt und die Grundlagen für das anhaltende Wirtschaftswachstum gelegt. Trotz dieser unbestrittenen Erfolge wurde Alejandro Toledo während seiner Präsidentschaft viel gescholten und wenig geliebt. Zu liederlich, zu wenig charakterfest, zu peruanisch aussehend, war er für viele Peruaner, denen Jahrhunderte lang eingeimpft wurde, dass das Heil weißhäutig und möglichst europäisch daherkommt.


Der Alejandro Toledo, der sich am Morgen des 27. Januar der Auslandspresse präsentiert, erinnert an einen in die Jahre gekommenen Hollywood-Star, der sich nach einer durchzechten Nacht eben frisch gemacht hat: nasses (oder frisch gegeltes) Haar, offener Hemdkragen, fehlt nur die spiegelnde Sonnenbrille und das Goldkettchen zum Mel Gibson-Verschnitt. Er habe eine Schuld offen mit seinem Land, verkündet Toledo mit gewohnt pompöser Stimme: das Wachstum, das in seiner ersten Regierung begonnen habe, müsse nun verteilt und allen Peruanern zu Gute kommen. Die Bildung sei deswegen sein erster Regierungspfeiler: 20% des Haushaltes bzw. 6% des BIP.

Weitere Vorhaben: Industrialisierung, Umverteilung, Justizreform, Umwelt. Sein Plan klingt gut und seine Worte werden immer feierlicher. „Aggressive Investition“ und „zutiefst entschlossen“ sind seine Lieblingsworte, wie um mit ihnen vergessen zu lassen, dass es während seiner ersten Präsidentschaft eben daran mangelte. Warum er eigentlich in die Politik zurückgekehrt sei, fragt ihn ein Journalist, warum er sich das wieder antun wolle, die Schmähungen, die Hetzkampagnen etc, die ihm in seiner ersten Regierung widerfahren sind.

Toledo holt tief Luft. Redet davon, wie schön er sich im kalifornischen Stanford eingerichtet hatte, wo er nach seiner Präsidentschaft lehrend überwinterte. Aber „jeder hat seine Verrücktheiten im Leben“ , sagt er. „ In meiner ersten Regierung habe ich das Wachstum in Gang gesetzt, nun möchte ich es gerecht verteilen“. Eines ist auf jeden Fall klar: Toledos Ego hat in Stanford bestens überwintert. Und angesichts der letzten 5 Jahre mit Alan Garcia in der Regierung, erscheint die Regierung Alejandro Toledos vielen Peruanern auf einmal in einem milderen Licht: weder wurde er der Korruption noch des Autoritarismus bezichtigt.

Ein zweiter Kandidat ist auf die politische Bühne zurückgekehrt: Ollanta Humala. Der tapfere Fallschirmspringer, der vor 10 Jahren mit einer Operettenrevolte gegen Alberto Fujimori zum jungen Nationalhelden aufstieg, und der es vor fünf Jahren mit einem linken Programm fast an die Macht schaffte. Zum Verhängnis wurde ihm damals das rote T-Shirt und ein Diskurs, der doch verdächtig an den Venezolaner Hugo Chávez erinnerte. Und Hugo Chávez mochte man in Peru noch nie, selbst die Linke nicht.


Humala hat daraus gelernt. Zur Pressekonferenz am 22. Januar kommt er in Anzug und – im Gegensatz zu Toledo – in Krawatte und äußerst pünktlich. Ernsthaft sieht er aus, eben ist er zum dritten Mal Vater geworden, seine Worte klingen gesetzt und ruhig. Kein junger Revolutionär , sondern ein gesetzter mittelständischer Familienvater sitzt da vor uns. Genauso ist auch sein Diskurs. Seine Grundpfeiler ähneln Toledos Plan: Bildung, Kampf gegen Korruption, Investition in Infrastruktur, Gesundheit.

Die Worte „Wachstum“ und „Unternehmer“ kommen in jedem zweiten Satz vor. Sein Nationalismus, unter dessen Flagge er vor fünf Jahre segelte, ist ein kultureller Nationalismus, betont er. Unternehmer: ihr braucht keine Angst vor Verstaatlichungen zu haben, lautet die Botschaft. Alles in allem ein gewandelter, ernsthafter Humala. Auf seiner Kongressliste steht die Creme de la Creme der peruanischen Linken und einige alte Bekannte: Nicolás Lynch, Alberto Adrianzén, Javier Diez Canseco. Und ich frage mich: wenn dies das Äußerste ist, was die peruanische Linke zu bieten hat, dann ist es um die Linke wirklich arm bestellt.

Aber die Zeiten in Peru sind nicht nach links: Peru atmet zum ersten Mal nach vielen Jahren Selbstbewusstsein, das Wirtschaftswachstum spritzt aus allen Poren (auch wenn es noch bei viel zu wenigen unten ankommt), dazu der Boom der Gastronomie, und jetzt hat Vargas Llosa auch noch den Nobelpreis gewonnen..... was können angesichts dieser Bonanza die Linken den Peruanern noch an Heil versprechen ? Das hat sich wohl auch Humala gesagt und versucht, sich nun im umkämpften Mitte-Links-Feld zu positionieren.

Nächste Woche ist PPK dran. Der Vertreter des Wall-Street-Finanzimperiums in Peru, Pedro Pablo Kuczynski, wird sich dann der Auslandspresse stellen.

viernes, 18 de febrero de 2011

Die Unvollendete am Madre de Dios





Im Herzen Südamerikas geht eine stille Revolution vor sich. Noch bis vor wenigen Jahren waren die Amazonas-Regionen von jedem staatlichen Entwicklungsbestreben weitestgehend unbelastet. Peru schaute zum Pazifik, Brasilien hat seine Grosstädte alle an der Atlantikküste. Die Amazonasgegend galt als unzugänglich, für die einen paradiesisch, für die anderen voller Tücken. Auf jeden Fall eine Gegend voller schwer hebbarer Naturschätze, die nur dem waghalsigen Abenteurer als Belohnung winkten.
Bis sich die Weltachse nach Süden verschob. War früher das lateinamerikanische Augenmerk nach Norden Richtung USA gerichtet, so richtet es sich jetzt nach Brasilien einerseits und nach China andererseits. Zwischen beiden liegt der Pazifik, die Andenkette und ...... das Amazonasgebiet. Heute muss man kein Abenteurerblut mehr haben, um das Amazonasgebiet zu erkunden. Neue Schnellstrassen gewähren die schnelle Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik, und sorgen dafür dass auch bald chinesische Rinder sich an brasilianischem Soja mästen.
Wenn man heute auf der "Interoceánica" von Rio Branco im brasilianischen Bundesstaat Acre ins angrenzende Departament Madre de Dios nach Peru fährt, so kann man das im klimatisierten Reisebus tun, der an eingezäunten Rinderfarmen entlangzuckelt, die mich schon fast ans heimatliche Allgäu erinnern.

Nur der Fluss "Madre de Dios" scheint sich seiner verkehrstechnischen Erschliessung mit aller Macht zu widersetzen: die Hängebrücke über den Fluss "Madre de Dios" ist auch nach 6 Jahren Bau noch nicht fertig. Das letzte Missgeschick: die Streben, an denen die Brücke aufgehängt werden soll, zeigte Risse. Nun studieren die Ingenieure ihre Pläne, der Bau steht solange still und die Brücke hängt, unvollendet, wie von Fäden gehalten, über dem "Madre de Dios" Fluss.

Am Rio Madre de Dios ist die Amazonas-Autobahn erst mal zu Ende. Abrupt kommt die Modernisierung zum Stillstand, und das Tempo wird wieder von dem gemächlich vor sich hin treibenden Fluss vorgegeben. Jeder Baumstamm, jeder Lastwagen und jede Maschine müssen auf zusammengebastelten Fähren einzeln über den Fluss geschippert werden . Die Fährschiffer sind barfüssige Jungs, die zwischen zwei Fahrten, oder auch mal während der Fahrt, ihren kleinen Aussenbordmotor und die Schiffsschrauben reparieren. Um die wartenden Lastwagenchauffeure hat sich eine lebhafte Versorgungs- und Kleinhändlerclique gebildet. Da man sowieso hier warten muss, kann man auch essen, ein paar Bierchen trinken, aufregen nutzt nichts. Die durch die unvollendete Brücke vorgegebene Entschleunigung führt abrupt in eine andere Welt, eine, in der Zeit-Ersparnis vollkommen bedeutungslos wird.

Allerdings: wenn die brasilianisch-peruanische Integration in dem Tempo weitergeht, dann müssen die chinesischen Rindviecher noch lange auf ihr Futter aus Brasilien warten!

martes, 8 de febrero de 2011

Limas Taxifahrer: eine Hommage

Ich glaube, es war der argentinische Chronist Martín Caparrós, der die Taxifahrer einst als den letzten Rekurs des mittelmässigen Journalisten bezeichnete. Sprich des Journalisten, der als einzige "Volkes Stimme" die des Taxifahrers vernimmt, der ihn vom Flughafen ins Luxushotel bringt. Mit anderen Worten: jede Journalistin, die etwas auf sich hält, sollte sich hüten, den Taxifahrer zu zitieren. Ich tue es dennoch. Denn die Taxifahrer in dieser Millionenstadt sind ein Grund, warum ich zurückgekehrt bin. Sie verlangen humane Preise, haben allen Langmut der Welt und sind unterhaltsamer als jede Telenovela.
Heute nahm ich gegen halb acht uhr abends ein Taxi in den weit entfernten Stadtteil Miraflores. Der erste Taxifahrer, den ich anhielt, ein älterer, rundlicher Mann, wollte nicht mit sich handeln lassen, wie es sonst üblich ist. Der Preis war aber vernünftig, und ich stieg ein. "Ach Senhorita, wenn Sie wüssten, wie ich diese Arbeit hasse", seufzte der Taxifahrer auf einmal. Seit 42 Jahren fahre er schon Taxi, und er hasse es; jeden Tag, von Sonntag bis Sonntag, sitze er 12 Stunden und mehr im Taxis. "Ich habe einfach keine anderen Talente", sagt er. Oder doch: "ein grosses Herz habe ich , ich kann niemandem böse sein". Dann erzäht er mir von seinem Missgeschick: vor zwei Jahren wurde ihm sein nagelneues Auto geklaut. Heute arbeitet er immer noch dafür, den Kredit abzubezahlen. 400 Dollar im Monat muss er noch ein Jahr lang dafür zusammenfahren.
Während wir im Feierabendstau stehen, erzählt er mir von seiner Frau, dass sie eine gute Ehe führten, dass sie aber etwas streng sei, dass sie schon 13 Operationen hinter sich habe, unter anderem eine Totaloperation, und dass er sie morgen zur Mammographie fahren wird.
Zwei Töchter hat er auch, sie sind sein ganzer Stolz. Weil das Geld nicht reichte, mussten sie mit dem Jurastudium aufhören, aber dafür hat die Älteste, eine 26-jährige, nun einen ernsthaften Heiratsanwärter gefunden. Einen Offizier. "Vor vier Wochen hat er mich ganz förmlich gefragt, ob er meine Tochter besuchen dürfe", und seitdem sind die beiden ein Paar.
Als wir endlich in Miraflores ankommen, kenne ich seine ganze Familiengeschichte, nur nicht seinen Namen. "Ach, wie ich diese Arbeit hasse", seufzt er nochmal, steckt meine 12 Soles ein und macht sich auf die Suche nach dem nächsten Kunden. Und ich bin immer noch gefangen von seiner Geschichte und es ist mir absolut egal, ob sie wahr ist oder nicht.

domingo, 6 de febrero de 2011

Lima reloaded 2011

Immer noch ist Lima die energiegeladene, chaotische, manchmal auch enervierende Millionenstadt, die ich vor zweieinhalb Jahren verlassen habe, und in die ich nun zurückgekehrt bin. Ein paar Dinge haben sich jedoch geändert. Da sind zum einen die 10- 20stöckigen Hochhäuser, die allenthalben gebaut werden. Es scheint, ganz Lima hat bisher im Zimmerchen bei Eltern und Grosseltern gehaust, und jetzt, wo die Wirtschaftslage besser ist, erfüllt sich jeder, der kann, den Traum von der eigenen Wohnung. Und da Lima nicht mehr in die Breite wachsen kann, wächst es nun in die Höhe. Hoffen wir, dass die Häuser auch erdbebensicher sind, denn das nächste Erdbeben kommt hier bestimmt.

Ganz allgemein merkt man den Leuten ein neues Selbstbewusstsein an. Noch vor einigen Jahren hatten viele Peruaner diesen "wir sind so arm" Diskurs drauf. Das ist heute nicht mehr so evident: ein seit 10 Jahren anhaltendes Wirtschaftswachstum hat den Leuten das Gefühl gegeben, es gehe aufwärts. Auch der Siegeszug der peruanischen Gastronomie hat dazu beigetragen. Und seit Dezember 2010 hat Peru auch noch einen Nobelpreisträger aufzuweisen, den Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Fehlt nur noch, dass die peruanische Fussballnationalmannschaft sich für die nächste WM qualifiziert, und der Nationalstolz ist nicht mehr zu übertreffen.

Ein weiteres Indiz, dass viele Leute heute nicht mehr nur ums Überleben kämpfen: auf einmal wird der chaotische, überfüllte und luftverschmutzende Verkehr Limas zum öffentlichen Thema. Die Luft- und Lärmverschmutzung, das Fehlen öffentlicher Grünflächen und Naherholungsgebiete - all das sind heute öffentlich brisante Themen. Die neue Oberbürgermeisterin Susana Villarán hat denn auch nach ihrem Amtsantritt im Januar als erstes weitere Kleinbuslinien verboten und die geplante Industrialisierung eines Naherholungsgebietes zurückgezogen. Vielleicht wird Lima so bald nicht nur eine energiegeladene und adrenalintreibende, sondern auch eine wohnenswerte Stadt.

Dass dies auch heisst, neue Rücksichten zu nehmen und alte Gewohnheiten abzulegen, erfahre ich am eigenen Leib. Als ich mich, in alter Gewohnheit, an den Strassenrand stellte und einen Kleinbus aufhalten wollte, hielt einfach keiner an. "Die dürfen nur mehr an Haltestellen halten", erklärte mir ein netter Mitbürger die neue Verordnung. Leider konnte er mir nicht sagen, wo denn die nächste Haltestelle sei.....

sábado, 6 de noviembre de 2010

Alan García, Dirk Niebel und das Ge-Denken





Am 4. November legten Alan García und Dirk Niebel in Lima den Grundstein für ein „Museum der Erinnerung“ an die Opfer des vergangenen Bürgerkrieges. Der Bau der Gedenkstätte war bis zuletzt umstritten – eine deutsche Entwicklungshilfeministerin und ein frischgekürter Nobelpreisträger hatten erheblichen Anteil daran, dass sie nun doch gebaut wird.


Alan Garcias Lieblingsthema ist die Zukunft. Die grossartige Zukunft, die Peru, das Land, das er regiert, mit seinem nun seit 10 Jahren anhaltenden Wirtschaftswachstum noch vor sich habe. Am 4. November allerdings musste er sich mit einer weniger berauschenden Seite der jüngsten Vergangenheit Perus befassen. Zusammen mit dem deutschen Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dirk Niebel, legte er den Grundstein für eine nationale Gedenkstätte. Dort soll der Opfer des vergangenen Bürgerkrieges gedacht werden. Der neu amtierende Minister Dirk Niebel ist dabei, weil die Bundesrepublik Deutschland 2 Millionen Euro dazu gibt. Er beglückwünsche Peru zu seinem Mut, so Niebel, sich seiner schmerzhaften Erinnerung zu stellen, damit sich die Tragödie des Bürgerkrieges nicht wiederhole. Alan García ist dabei, weil ihm wohl gar nichts anderes übrigbleibt, als eine halbwegs gute Miene zum in seinen Augen linken Spiel zu machen.
Ausgelöst hatte die öffentliche Debatte um die Aufarbeitung der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der maostischen Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“ und Militär und Polizei der Bericht einer Wahrheitskommission. 70 000 Peruaner seien im Bürgerkrieg umgekommen, errechnete die Kommission 2003 und nannte die Verantwortlichen in Militär und Politik beim Namen. Auch der seit 2005 zum zweiten Mal amtierende Präsident Alan García kam im Bericht nicht ungeschoren davon, fielen doch in seine erste Amtszeit 1985 – 1990 mehrere Massaker und Menschenrechtsverletzungen. Als die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heide Wieczorek-Zeul denn anlässlich ihres Peru-Besuchs vor zwei Jahren sich für die Aufarbeitung des Bürgerkrieges einsetzte und eine deutsche Spende für den Bau einer Gedenkstätte anbot, war die Reaktion bei der beschenkten Seite eher verhalten. Das Geld könne man besser direkt für die Armen einsetzen, hiess es aus peruanischen Regierungskreisen. Vielleicht wäre Wiecozorek-Zeuls Absicht eine solche geblieben, wenn nicht Mario Vargas Llosa zur Feder gegriffen hätte. Peru brauche sehr wohl ein Museum der Erinnerung, auch dieses diene der Entwicklung des Landes, verkündete der bekannteste lebende peruanische Schriftsteller in seiner weltweit gelesenen Zeitungskolumne.
Aufgrund des öffentlichen Drucks und der moralischen Autorität des berühmten Literaten lenkte Alan García in den Bau der Gedenkstätte ein und setzte noch eins drauf: er machte Vargas Llosa zum Vorsitzenden der offiziellen Gedenkstätten-Kommission. Und versuchte derweil, seine Haut und die der angeklagten Militärs auf andere Weise zu retten. Ein Amnestiegesetz sollte durch die Hintertür die Verurteilung von Militärangehörigen und Polizisten wegen Menschenrechtsverbrechen verhindern. Wiederum griff Vargas Llosa ein. In einem öffentlichen Protestbrief gab er Mitte September den Vorsitz der Kommission zurück. Die peruanische Regierung zog daraufhin den Gesetzesvorschlag zurück. Zwei Wochen später gab das Nobelpreiskomitee bekannt, dass Mario Vargas Llosa den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten wird.
Vier Wochen später, am 4. November, sind weder Heide Wieczorek-Zeul noch Mario Vargas Llosa anwesend, als der Grundstein für das Museum gelegt wird. Die deutschen Wähler wollten, dass statt Wieczorek-Zeuls nun ihr Amtsnachfolger Dirk Niebel in Lima Wilhelm von Humboldt zitieren darf: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“. Präsident Alan García dagegen mag an den ersten peruanischen Nobelpreisträger Vargas Llosa denken, wenn er mit eher gequälter Miene sichselbst dazu beglückwunscht, „dass er diese Stätte des Denkens einweihen darf“. Und so ganz nebenbei aus dem „Ge-denken“ (memoria) das Denken allgemein („pensamiento“) macht.